Sense of Wonder vs. Science Terra Cognita

Sense of Wonder: A feeling of awakening or awe triggered by an expansion of ones awareness of what ist possible or by confrontation with the vastness of space and time as brought on by reading science-fiction.“(1)

Wann hat zuletzt jemand etwas Neues am Horizont gesehen?

Als ich sechs oder sieben Jahre alt war, etwa zu der Zeit von Tschernobyl, erfuhr ich, dass die Menschheit noch keine fremden Planeten betreten hatte, dass alles, was ich in dieser Hinsicht zu wissen glaubte, abgesehen von der Landung auf dem Mond, Science-Fiction war, über die sich meine Eltern miteinander austauschten. Wir unterhielten keine Ringorbitale im All, waren niemals extraterrestrischem Leben begegnet, waren nicht in andere Galaxien vorgedrungen, hatten noch nicht einmal die Grenzen des Sonnensystems erreicht. Das war ein Schock für mich! Seither habe ich selbst lesen gelernt und mich eines ganzen Jahrhundertvorrats an Science-Fiction bedient, vielleicht um jene ernüchternde Erkenntnis zu kompensieren. Hard SF, New Wave und Cyberpunk gaben mir das zurück, was ich wie in einem persönlichen Sündenfall verloren hatte: Den Sense of Wonder. Dieses Gefühl, dass sich Türen öffnen, zu unbekannten Räumen voller Möglichkeiten.

NeuromancerEs gab neue Räume in den 80er Jahren, Nanotechnologie, virtuelle Realitäten und viele andere mehr, in dem Jahrzehnt, in dem ich aufgewachsen bin und deren Science-Fiction ich erst jetzt, mehr als zwanzig Jahre später, langsam ausgeschöpft zu haben glaube. Die Zukunft hat mein Leben geprägt, jetzt lebe ich in ihr und sie ist in gewisser Weise enttäuschend.

Eines der jüngsten Werke, die mich den Sense of Wonder haben spüren lassen, war „Transmetropolitan“ von Warren Ellis. Vor allem die ersten zwei Bände der Graphic Novel sind ein Feuerwerk an Wundern, wenn man sie zur richtigen Zeit gelesen hat (wie es einem heutigen Leser gehen mag, kann ich nicht einschätzen. Möglicherweise liegt meine Begeisterung auch darin begründet, dass ich zu jenem Zeitpunkt selbst noch eine geringe Leseerfahrung besessen habe. Heute wird mir klar, dass vieles was Ellis hier beschreibt, bereits eine Aufarbeitung älterer Themen darstellt). Diese Bände sind mehr als fünfzehn Jahre alt, stammen aus dem letzten Jahrtausend. Was ist aus all diesen Wundern geworden?

Where’s the future we were promised?“(2)

What do you do when you are promised no future beyond the next Steve Jobs keynote address or summer blockbuster movie?“(3)

Wo sind zwanzigspurige Schwebeautobahnen und Hyperraumreisen, Teleportation und Antigravitation und alles andere, was uns prophezeit wurde, und wovor Smartphones und Facebook und Googlebrillen vor Neid erblassen müssen? Sie sind in der Science-Fiction und nirgendwo sonst.

Dort gibt es keinen Mangel daran. Aus dem, was mir so ganz spontan einfällt, ergibt sich ein reichhaltiger Katalog aus Möglichkeiten, wie Kleider von der Stange, aus denen ein zeitgenössischer Autor/Regisseur/Illustrator/Gamedesigner/(…) sein persönliches Setting zusammensetzen kann: Will ich Klone, oder nicht? Will ich Teleportation und Antigravitation, oder nicht? Hovercars oder Jetpacks? Soll es K.I’s geben, oder nicht? Tausend Gemeinplätze und Klischees sind im kollektiven Bewusstsein bereits vorhanden und müssen nur noch angetippt werden, um im Leser/Rezipienten ein entsprechendes Bild hervorzuholen. So kommt mir die Science-Fiction der Gegenwart vor. Nicht sehr innovativ.

Vielleicht sitze ich einem Vorurteil auf. Vielleicht habe ich die „echte“ Science-Fiction des neuen Jahrtausends nur noch nicht gefunden, habe das Falsche gelesen, aber es scheint so, als ob die letzten Stücke Literatur und die letzten Filme, die den Sense of Wonder erzeugen konnten aus den 80er und 90er Jahren stammen. Iain Banks‘ frühe „Kultur“-Romane, die „Cyberpunk“-Anthologie und „Neuromancer“ von William Gibson, vielleicht auch Vernor Vinges „Zones of Thought“-Bände „A Fire upon the Deep“ und „A Deepness in the Sky“. Wann hat jemand zuletzt etwas Neues am Horizont gesehen? Und das Neue ist wesentlich für die Science-Fiction, der Sense of Wonder ist ein wesentliches Merkmal, das sie von Fantasy unterscheidet. Ohne ihn ist Science-Fiction irgendwie keine Science-Fiction. Auch das mag Ansichtssache sein, aber ich kann zumindest auf Norman Spinrad und andere SF-Autoren verweisen.

This hunger for the experience of flashes of transcendental consciousness through and not despite the onrushing advance of science and technology has always been central to what made those people who read science fiction read science fiction.“(4)

Gut, der Sense of Wonder definiert die Science-Fiction nicht ausschließlich. Eine andere notwendige Bedingung hat, zumindest für Anhänger der Hard SF, Vorrang: Die Bedingung des zu Grunde liegenden Realismus. Was in der Science-Fiction vorgeht, soll die Grenzen des als real Vorstellbaren nicht überschreiten. In diesem Sinne ist es natürlich weiterhin und womöglich jederzeit in der Zukunft möglich, Science-Fiction zu schreiben. Warum auch unbedingt etwas Neues erzählen müssen? Ich stelle mir vor, dass klassische Hard SF sinnbildlich Strecke in der Länge vorlegt und die New Wave der 60er Jahre stattdessen, oder darüber hinaus, literarisch und psychologisch in die Tiefe geht. Möglicherweise ist heute die Science-Fiction einfach nur in eine Phase der Breite eingetreten. Es ist auch nicht nötig, etwas Bahnbrechendes zu schreiben, um eine interessante, spannende und vielleicht in vielerlei Hinsicht relevante Geschichte zu erzählen. Ich denke an die „Punktown“-Erzählungen von Jeffrey Thomas. Ein ziemlich vertrautes Set aus bekannten Modulen. Trotzdem war ich begeistert, nur öffnet sich hier keine bis dahin verborgene Tür. Der Raum, der zu erkunden ist, hat bereits Gestalt, ist in seinen wesentlichen Dimensionen schon ausgemessen.

Es ist Zeit, von der Frage her zu einer These fortzuschreiten:

Die heutige Science-Fiction befindet sich in der schwierigen Lage, keine neuen Räume auftun zu können, denn das kollektive Bewusstsein ist längst über den heutigen Stand der Technologie hinaus vorgedrungen und umfängt bereits den geistigen Raum des zurzeit Denkbaren.

The imaginative loss of the future is becoming accute.“(5)

Symptomträger

Ich weiß nicht mehr, wann mir das Phänomen zum ersten Mal bewusst wurde, sicher aber hat William Gibsons neueres Werk damit zu tun, das ich hier der Einfachheit halber als Gegenwartssciencefiction bezeichnen möchte. Die Zukunft aus Gibsons früherem Werk ist Gegenwart geworden, darum erschöpft sich die Spekulation über die Zukunft in der Beschreibung der Gegenwart.(6)

The future is already here – it’s just not evenly distributed.“(7)

You live in the future and you don’t know it.“(8)

banksZuletzt las ich Iain Banks‘ Short Story „The State of the Art“, die zu Banks‘ „Kultur“-Reihe zählt und die einzige Erzählung aus dieser Reihe ist, in der die Erde eine explizite Rolle spielt. Darin wird ein Aspekt des Unterschieds zwischen der Erde und der interstellaren und hochtechnisierten Zivilisation der Kultur folgendermaßen dargestellt: Auf der Erde des 20. Jahrhunderts schreitet technologische, wie auch gesellschaftliche Entwicklung rasend schnell voran. In der Kultur hingegen ist der aktuelle Stand der Technologie, wie des gesellschaftlichen Lebens im Wesentlichen derselbe, wie in Jahrtausenden zuvor. An Perfektion grenzende Maschinen, ein an Perfektion grenzendes System braucht keine Fortentwicklung mehr.

Es gibt nichts Neues jenseits des Neuen. Und was kam in der Science-Fiction Neues nach dem Cyberpunk?

And after the Cyberpunk Movement there came . . . There came . . . There came a lame series of marketing attempts to create artificial „movements“ to cash in on the commercial success of „Cyberpunk“ as a marketing label and a self-proclaimed literary movement in the macroculture. „Splatterpunk.“ „Steampunk.“ „Elfpunk.“ „Punkpunk.“ Whatever….“(9)

Ideen des Cyberpunk sind längst im Mainstream aufgegangen. Ein anderes Genre, das ursprünglich als Spielart des Cyberpunk begonnen hat, der Steampunk, ist in den letzten Jahren von einer Bewegung hin zur beginnenden Massenkultur fortgeschritten. In ihm sehe ich meine These auf exemplarische Weise gestützt: Steampunk ist Retro-Science-Fiction. Prototypisch ist er nicht in der Zukunft angesiedelt, sondern in alternativen Geschichtsverläufen, die irgendwo in der Zeit der Industrialisierung abgezweigt sind. Alternativwelten ermöglichen es, what-ifs, was-wäre-wenns durchzuspielen, ohne Extrapolationen in die Zukunft legen zu müssen. Ungenutzte Möglichkeiten einer Technologie der Vergangenheit: Was wenn Charles Babbages Differenzmaschine wirklich gebaut worden wäre und das digitale Zeitalter hundert Jahre früher eingesetzt hätte…? Nur ein Beispiel.

Man kann Alternativwelten mögen oder nicht, aber das Basteln an vergangener Technik schmeckt angesichts des Fehlens zukunftsgerichteter Topoi in der Science-Fiction irgendwie nach Ideenarmut. Ich will es noch einmal positiv ausdrücken: Steampunk weist auf eine gewisse Ideenarmut hin. Aus dem Mangel an Material für bahnbrechende Ingenieurskunst (im Rahmen der Science-Fiction) entsteht die Bastelei am Anachronismus. Von hier liegt der Schritt zum magischen Denken, zum wilden Denken, zum mythischen Denken nicht fern.(10)

Eine Bewegung hat eine Richtung und Vertreter des Steampunk formulieren darüber hinaus sogar Ziele.

Steampunk: Colonizing the Past so we can dream the future.“(11)

If Steampunk has a mission, it is, in part, to restore a Sense of Wonder to a technology-jaded world.(12)

steamGesellschaftspolitisch erkenne ich Ähnlichkeiten zu postzivilisatorischen Ansätzen anarchistischer Theorie.(13) Dem Genre Belanglosigkeit vorzuwerfen erscheint mir überheblich. Wie es allerdings mit dem Sense of Wonder im Reich der Anachronismen bestellt ist? Als Leser wie auch als Autor fantastischer Erzählungen kann ich nur sagen, dass er sich bei mir nicht so richtig einstellen will. Ich nehme an, es geht im Steampunk eher darum, herauszufinden, wann uns der Sense of Wonder abhandengekommen ist. Zumindest weist der starke Anklang von Nostalgie, der das Genre charakterisiert, darauf hin.

vingeIch komme auf Vernor Vinge zu sprechen, genauer auf die ersten beiden Romane aus dem „Zones of Thought“-Universum. Vinge beschreibt in einem Nachwort auf „A Deepness in the Sky“ die Anlage der Zonen des Denkens als darin begründet, dass über eine ferne Zukunft angesichts der von Vinge prognostizierten Technologischen Singularität [im Folgenden kurz Singularität] keine plausiblen Spekulationen möglich seien. Das Universum, oder zumindest die Galaxis in Zonen einzuteilen, von denen eine das Eintreten der Singularität physikalisch unmöglich macht, schafft die Voraussetzung für den Autor, mit gutem Gewissen eine Geschichte erzählen zu können. Einen ähnlichen Trick wendet Vinge an, indem er seine Aliengesellschaft durch den Fokus menschlicher Protagonisten anthropomorph beschreibt, dies aber explizit thematisiert und als Kunstgriff eines Bewusstseins entlarvt, dass das Neue nur im Gewand des Alten erkennen und verstehen kann. Und da sind wir: bei der Singularität. Vinge hat ihr Eintreten für irgendwann zwischen 2005 und 2030 prophezeit, Ray Kurzweil visiert ebenfalls das Jahr 2030 an. Durch die Erschaffung künstlicher Intelligenzen, die fortan sich selbst ohne Hilfe des Menschen werden weiterentwickeln können, werde die Menschheit obsolet, komme an den Endpunkt ihrer eigenen Geschichte.

Maybe it’s man’s destiny to build live machines and then bow out of the cosmic picture.“(14)

We will soon create intelligences greater than our own. When this happens, human history will have reached a kind of singularity, an intellectual transition as impenetrable as the knotted space-time at the center of a black hole, and the world will pass far beyond our understanding. This singularity, I believe, already haunts a number of science-fiction writers. It makes realistic extrapolation to an interstellar future impossible. To write a story set more than a century hence, one needs a nuclear war in between … so that the world remains intelligible.”(15)

Terminus est

An diesem Punkt der technologischen Entwicklung soll alle Vorhersagbarkeit, soll alle plausible Extrapolation enden. Darüber hinaus gibt es in der Konsequenz einfach nichts mehr zu sagen. Alles was doch gesagt wird, ist haltlose Spekulation, ist keine Science-Fiction, sondern Science-Fantasy. Rieche ich hier ein Denkverbot? Ein Dogma? Möglicherweise hat mich meine literarische Indiziensuche zum Täter geführt. Die Singularität setzt der Science-Fiction das Messer auf die Brust. Ist das so? Geht deshalb alles in die Breite, weil es wirklich nicht mehr weiter voran geht? Ist der Schritt zur Seite in die ungelebten Möglichkeiten der Vergangenheit der einzige Weg, der noch zum Sense of Wonder führen kann?(16)

Ich nehme an, für viele bekennende Transhumanisten hat der Glaube an die Singularität tatsächlich religiöse Qualität. Ein Dogma wäre da doch wahrscheinlich. Allerdings wäre das doch ein eine gewaltige Ironie, wenn transhumanistisches Denken, dass sich der bedingungslosen, grenzenlosen Evolution des Menschen verschrieben hat, der Evolution spekulativen Denkens einen Riegel vorsetzte. Jetzt muss ich an das Diktum denken, Demokratie sei das beste aller denkbaren Gesellschaftssysteme, auch so eine Grenze des Denkens und jeder Beweis über die bloße Theodizee hinaus bleibt aus.

Und jetzt? Sind wir am Ende der Geschichte angelangt? Sind die Tage der Menschheit bereits gezählt? Sind wir längst transhuman? Sind alle Felder bereits bestellt? Wo liegt die nächste Utopie? Für die Belange der Science-Fiction sollte die Frage vielleicht besser lauten: Wie kommt man jenseits bekannter Topoi? Im Vorigen Absatz habe ich einer Dystopie Ausdruck verschafft. Ideenarmut und Denkverbot als Charakteristikum der näheren Zukunft. Und so stoße ich selbst an die Grenzen des Denkbaren. Dystopie ist längst ein Gemeinplatz kollektiven Bewusstseins, ist allgegenwärtig in Literatur und Film, ist absolut nichts Neues. In einer angsterfüllten Gesellschaft wie der unseren ist das auch kein Wunder, nehme ich an. Angst evoziert nun mal Schreckgespenster. Möglicherweise setzt der Sense of Wonder ja ein gewisses Maß an Optimismus voraus.

Die Science-Fiction gestaltet die Welt mit und Neal Stephenson hat wahrscheinlich recht, wenn er von ihr positives, optimistisches Denken verlangt, um der Zukunft nicht nur dystopische Ideen in die Wiege zu legen.(17) Allerdings: Der bekennende Transhumanismus ist eine optimistische Denkweise. Technologie ist ihr Heilsbringer und sie erinnert stark an den Fortschrittsglauben der vorletzten Jahrhundertwende, den stromlinienförmigen Entwurf der Zukunft aus den Anfängen moderner Science-Fiction. Offensichtlich aber bringt das auch keine neuen Räume hervor.

Kann es sein, dass wir angesichts der Mannigfaltigkeit uns im Laufe der letzten Jahrzehnte prophezeiter Zukünfte in einen Zustand der Paralyse verfallen sind? Haben wir schon so viel von der Zukunft geträumt, dass uns jetzt, wo wir ihr im Wachsein begegnen, nichts mehr zu träumen übrig bleibt?

Das Weiße Loch

posthDer Transhumanismus bleibt einem einfachen Realismus verhaftet.(18) Jenseits des einfachen Realismus liegt das Reich des Subjektiven. Spinrad postuliert eine Verschmelzung von SF und Fantasy – darüber hinaus sogar die Entstehung einer neuen Form.(19) Liegt darin eine Hoffnung für den Sense of Wonder?

Fantasy ist ein Genre der Archetypen. Archetypen sitzen tief im kollektiven Unbewussten und das schon seit der Urzeit Menschlicher Geschichte. Ich behaupte, dass dieser Charakterzug der Science-Fiction genau entgegenläuft. Science-Fiction ist gerade keine Archetypenliteratur. Wenn überhaupt, arbeitet sie daran, neue Archetypen zu schaffen, und das zu erreichen, wäre vielleicht ihr größter Verdienst. Schaue ich mir zwei wesentliche Topoi der Fantasy an, nämlich zum einen die Möglichkeit, dass Körper, Geist und Seele getrennt voneinander existieren könnten und zum anderen, dass alles, was ein Wesen hat auch Bewusstsein erlangen könnte, dann fällt mir auf, dass Science-Fiction irgendwo am Ende der hypothetischen Sackgasse genau diese Topoi erobert hat. Nanotechnologie, virtuelle Realitäten und künstliche Intelligenz schaffen dafür die Grundlage. Allmacht und Allwissenheit in Form intelligenter Materie bilden die Quintessenz der Science in Science Fiction. An diesem Berührungspunkt zwischen Science-Fiction und Fantasy liegt die Schwelle zu esoterischen Gefilden. Dinge, die sich nicht mehr a priori und rein rational begründen lassen. Dinge, vor denen klassische Science-Fiction zurückschreckt, die die Fantasy dagegen viel besser verkraftet.

Science-Fiction erobert Topoi der Fantasy, Fantasy aber erobert längst auch Topoi der SF.(20) Um dieser Lage Herr zu werden, braucht es schon eine Literatur, die mutig die Grenzen zwischen den Genres überschreitet. Eines der jüngsten unterscheidbaren Subgenres der Phantastik mit starkem Bezug zur Science-Fiction, historisch um die Wende des Jahrtausends angesiedelt, ist die New Weird. Schon die klassische Weird Fiction hat Genres transzendiert, hat Science-Fiction, Fantasy und Horror vereint und ihr spätes Kind tritt in dieselben Spuren, nur vielleicht mit größeren Füßen. Als einer der Hauptstimuli und im Weiteren als Charakteristikum wird aufgeführt, dass nicht wie in klassischer Horror- und Weird-Literatur die Konfrontation mit dem Monster im Mittelpunkt steht, sondern das, was nach der Konfrontation kommt, bzw. nach der Transmutation z.B. des Protagonisten in ein Monster. Hier stellt sich die Frage nach einer Veränderung des Bewusstseins. Vielleicht steckt der Sense of Wonder zeitgemäßer Science-Fiction wirklich nicht in der Spekulation über zukünftige Technologie, sondern in der Spekulation über die weitere Entwicklung menschlichen Bewusstseins. Seit dem Linguistic Turn und der Erfindung der Psychoanalyse und des LSD weist sowieso alles in diese Richtung.

Vielleicht ist Weird die passende Beschreibung für die aktuelle Stufe menschlichen Bewusstseins. Weird spricht ein Unbehagen aus, ein Gefühl der Fremdheit und einen Horror angesichts des Übernatürlichen. Mag sein, dass dieses Unbehagen und Gefühl der Befremdung angesichts der Erwartung der Singularität universell zu werden beginnt.

The Singularity is Science-Fiction.“(21)

Die Singularität ist selbst eine Science-Fiction-Story, die allerdings am spannendsten Punkt abbricht. An dem Punkt, an dem die TS selbst eintritt, dem Moment um den es doch eigentlich geht. Und wenn man über das, was dann kommt, keine Aussagen mehr treffen kann, alles, was man noch sagen kann, dem, was zu erwarten ist, nicht gerecht werden kann und wenn doch, es so sehr zur Unverständlichkeit gerät, dass es jeglichen Anschlusses an das eigene Verstehen entbehrt, wie sich dann angesichts der Singularität nicht entmutigt und befremdet fühlen? Wie sehr fremd darf etwas sein, um noch den Sense of Wonder zu evozieren? Alles was erkannt wird, muss doch einen Anteil von bereits Bekanntem, Verstandenem enthalten.

Müssen wir erst die Singularität durchschreiten, um neue SF schreiben zu können?

Immerhin, wenn alles Weitere Sache des Bewusstseins ist: Der Sense of Wonder ist letztlich ein subjektives Moment, der Geist ist Träger aller Subjektivität, die Singularität ein spekulatives Konstrukt des Bewusstseins. Der Geist ist fähig, seine eigenen Konzepte zu transzendieren und der implizite Auftrag der Science-Fiction war nie, verlässliche Aussagen über die Zukunft zu machen. Ebenso wenig, wie es jemals um die bloße Spekulation über technologische Möglichkeiten der Zukunft ging. Es mag so aussehen, als ob die menschliche Vorstellungskraft ausgeschöpft sei, aber Fantasie hat keine Grenzen! Wenn die Singularität nichts weiter als Science-Fiction ist, dann kann ich hoffen, dass die Science-Fiction ihr eigenes Dogma überwinden, die Singularität also transzendieren wird und der Sense of Wonder wieder gedeihen kann.

The future is a process and not a destination. The future is not a noun, it is a verb.“(22)

Dort draußen ist etwas. Eine Möglichkeit, die noch nicht gedacht wurde. Irgendwo in den Tiefen zwischen den Sternen oder anderswo. Dieses Etwas zieht an uns. Es will ans Licht. Also lasst die Tür angelehnt und haltet die Augen offen, und wenn es nicht zu fremdartig ist, um dem menschlichen Bewusstsein aufzufallen, dann wird irgendein glücklicher Autor darüber eine Geschichte schreiben.

Wenn aber die Singularität nicht mehr lange bloße Science-Fiction bleibt? Wenn wir wirklich bald das Ruder aus der Hand legen müssen, das Zepter an unsere Nachfolger in Form intelligenter Maschinen weitergeben? Dann finde ich, wir sollten sie bitten, sich herab zu lassen, uns greisen Müttern und Vätern ihrer Gattung ein paar ihrer Geschichten zu erzählen. Auf das wir wieder werden staunen können!

Erstveröffentlichung in IF Magazin #2 (Whitetrain, 2014)

if1-210x300Retrospektion

Es liegt in der Natur einer Frage, dass man Antworten auf sie nur im Nachhinein erwarten kann und zuweilen kommen Antworten auch erst mit einiger Verspätung hinterher. Heute, drei Jahre nach Erscheinen des oben stehenden Artikels in IF Magazin #2, bin ich überzeugt, dass die darin enthaltenen Fragen noch immer Fragwürdiges betreffen. Nach wie vor scheint mir die Science Fiction vor einem zum Teil selbstgewobenen Schleier zu stehen, den sie nicht durchdringen kann. Heute wie damals suche ich den Sense of Wonder in der Science Fiction meist vergeblich, bleibt sie meist vor dem Schleier der Technologischen Singularität stehen oder gerät, wo sie doch den Sprung in ein Danach wagt, in Wiederholungen, bleibt in ihrer selbstgelegten Schleife hängen. Allerdings entdecke ich einen Schwachpunkt des Artikels in der Auswahl besprochener Werke aus der Zeit nach der Jahrtausendwende. Erst im Nachhinein sind mir Romane wie Accelerando(23), von Charles Stross, Blindflug und Echopraxia(24) von Peter Watts, sowie seine Rifters-Trilogie, beginnend mit Abgrund(25), untergekommen, die in mir den Sense of Wonder zu wecken wussten. Vernor Vinges Am Ende des Regenbogens(26) ist in den letzten zehn Jahren deutlich gealtert, war aber bei seinem Erscheinen visionär. Auch William Gibsons jüngster Roman, Peripherie(27), wagt einen Sprung aus der Nahzukunft/Gegenwart in eine nach einer (nicht technologischen) Singulariät liegende Zukunft und befriedigt meine Lust auf Ungesehenes. Jonathan Strahan gibt seit einigen Jahren angefangen mit Engineering Infinity(28) eine Reihe von Anthologien mit dem Anspruch heraus, den Sense of Wonder in der Science Fiction wiederzufinden. Dietmar Daths Venus siegt(29), vor allem aber die in der Taschenbuchausgabe angefügte Erzählung Venus lebt, haben mich begeistert. Sicher gibt es weitere Beispiele, die meine Skepsis widerlegen, doch zuletzt möchte ich Cixin Lius Die drei Sonnen(30) und dessen zwei Fortsetzungen erwähnen. Vielleicht ist die europäische und angelsächsische Leserschaft von Science Fiction erst jetzt bereit, sich für Zukunftsblicke aus anderen Teilen der Welt, wie die Cixin Lius, zu öffnen, und das ist für sich schon eine zukunftsweisende Entwicklung, die den Sense of Wonder in den kommenden Jahren wieder aufleben lassen mag.

1 Brave New Words. The Oxford Dictionary of Science Fiction, 2007

2 Warren Ellis: Doktor Sleepless Volume 1. Engines of Desire, 2004

3 Jake von Slatt: a Steampunk Manifesto; in: Jeff Vandermeer (Hg.): the Steampunk Bible, 2011

4 Norman Spinrad: the Future of Science-Fiction; in: Nebula Winners 14, 1980

5 Bruce Sterling: The Singularity. Your Future as a Black Hole, 2004 http://longnow.org/seminars/02004/jun/11/the-singularity-your-future-as-a-black-hole/

6 vgl. William Gibson: Interview in The Economist, Dezember #4, 2003

7 s. ebd.

8 Warren Ellis: Doktor Sleepless Volume 1. Engines of Desire, 2004

9 Norman Spinrad: On Books. Movements; in: Asimov’s Science-Fiction, 2002

http://www.asimovs.com/_issue_0210_11/onbooks.shtml

10 Claude Lévi-Strauss: La pensée sauvage, 1962

11 Prof. Calamity

http://prof-calamity.livejournal.com/277.html

12 The New York Times: Steampunk Moves Between 2 Worlds, 8. Mai 2008

http://www.nytimes.com/2008/05/08/fashion/08PUNK.html/?_r=2&

13 vgl. Margaret Killjoy: Take What You Need and Compost the Rest. an Introduction to Post-Civilized Theory

http://theanarchistlibrary.org/library/Margaret_Killjoy__Take_What_You_Need_And_Compost_The_Rest__an_introduction_to_post-civilized_theory.html

14 Fritz Leiber: „the Creature from the Cleveland Dephths“, 1962

15 Vernor Vinge: Omni magazine, Januar 1983 – vgl. auch: Vernor Vinge: The Coming Technological Singularity. How to Survive in the Post-Human Era, 1993

16 vgl. Jake von Slatt: a Steampunk Manifesto; in: Jeff Vandermeer (Hg.): the Steampunk Bible, 2011

17 vgl. Neal Stephenson: Project Hieroglyph

http://hieroglyph.asu.edu/about/

18 vgl. Reinhard Heil: der Transhumanismus; in: Sic et Non, Bd. 4, Nr. 1, 2005

http://www.sicetnon.org/index.php/sic/article/view/144/158

19 Norman Spinrad: On Books. Movements; in: Asimov’s Science-Fiction, 2002

http://www.asimovs.com/_issue_0210_11/onbooks.shtml

20 vgl. Ebd.

21 Noam Chomsky: Interview auf Singularity Weblog

http://www.singularityweblog.com/noam-chomsky-the-singularity-is-science-fiction/

22 Bruce Sterling: The Singularity. Your Future as a Black Hole, 2004

http://longnow.org/seminars/02004/jun/11/the-singularity-your-future-as-a-black-hole/

23 Heyne, 2006 / Originalveröffentlichung: Accelerando (Orbit, 2005)

24 Heyne, 2008 und 2015) / Originalveröffentlichungen: Blindsight (Tor, 2006) und Echopraxia (Tor, 2014)

25 Heyne, 2008 / Originalveröffentlichungen: Starfish (Tor, 1999)

26 CrossCult, 2016 / Originalveröffentlichung: Rainbow‘s End (Tor, 2006)

27 Tropen, 2016 / Originalveröffentlichung: The Peripheral (Putnam, 2014)

28 Infinity Project #1 (Solaris, 2011)

29 Originalveröffentlichung: Halblizel. 2015 / Taschenbuch: Fischer Tor, 2016

30 Heyne, 2016 / Originalveröffentlichung: 三体 (Chongqing Press, 2008)

Goblin Press – Die Horror-Fabrik

Wer in Deutschland den einen oder anderen Fantastik-BuchCon besucht hat, den in Marburg etwa oder den in Dreieich, dürfte bereits über das Ouevre der Goblin Press gestolpert sein, so wie es mir geschehen ist. Hier werden Bücher für Bibliophile angeboten, die kurioserweise mit den denkbar einfachsten Mitteln hergestellt werden. Mit Klemmschiene gebunden sind Goblin-Bücher üblicherweise nicht mehr als einhundert Seiten stark, die Seiten selbst sind einfach gedruckt und gefalzt. Die Falz zeigt nach außen, wodurch in einer Art Innenleben verborgene Seiten entstehen, auf denen sich mitunter Dinge befinden, die nur ein mutiger Schnitt am Produkt hervorholen wird. Zweifarbige Schutzumschläge umschlingen diese Bände mit kontrastreichen Illustrationen, vorne finden sich in immer gleichem Rahmen Titel und Name des Verfassers, hinten nur selten eine kurze Zusammenfassung des Inhalts.

Das Obskure und Handgemachte stärkt mir den Eindruck, etwas wirklich Fantastisches und irgendwie nicht für aller Augen Sichtbares in Händen zu halten. Jörg Kleudgen, Schriftsteller, Musiker und Betreiber der Goblin Press ist, wenn auch in der Fantastik-Szene bekannt, niemand, der kommerziellen Erfolg anstrebt. Sein Erfolg als Verleger besteht bereits seit vielen Jahren in der Verbreitung von Werken der dunklen Literatur, die selbstbewusst am Hochglanz des Mainstream vorbeigehen. Am Verlagsstand sitzt mit ihm im Übrigen Erik Hantsch von der Edition CL, der zusammen mit Kleudgen das Fantastik-Magazin Cthulhu Libria Neo herausgibt.

Autoren der Goblin Press: Tobias Bachmann, Vincent Preis-Träger 2017, Max P. Becker, der seiner eigenen Bibliographie vorauseilt, Uwe Voehl, längst ein tragender Stützpfeiler deutscher Fantastik, der in 2010 verstorbene Michael Knoke, Daniel Schenkel, u.a.

das_siegel_des_mandschu1Und da wären dann noch Kleudgens eigene Werke. Nach Cosmogenesis und Totenmaar, die bei anderen Verlagen erschienen sind, habe ich nun auch drei seiner Erzählungen in ihrer jeweiligen Goblin-Ausgabe gelesen. Zum einen den gemeinsam mit dem kurz nach Fertigstellung des Buchs verstorbenen Autor Bernd Rothe verfassten Band Das Siegel des Mandschu.

Hierbei handelt es sich um eine implizite Wiederauferstehung des Pulp-Schurken Dr. Fu Manchu, alias Die Gelbe Gefahr. Die Vorlage stammt aus einer Reihe von Romanen des Autors Sax Rohmer, sowie deren Verfilmungen mit Boris Karloff und Christopher Lee.

Das Siegel des Mandschu, vierundsiebzig Seiten lang, ist ein gekonntes Stück Pulp-Literatur, actionreich, abenteuerlich, im China der Fünfziger und frühen Sechziger angesiedelt. Einige sehr stimmungsvolle Horror-Passagen werden mir in Erinnerung bleiben, in denen das übernatürliche, irgendwie untote Leben des Mandschu und seine hypnotischen Kräfte thematisiert sind. Dreifach ist die Erzählung in der Art einer Matroschka verschachtelt. Drei zeitliche Ebenen liefern Berichte über die wiederkehrende Auseinandersetzung der Protagonisten mit dem Mandschu. Eine davon lässt dieses Genie des Organisierten Verbrechens noch als menschliches Wesen bestehen, die zweite, längere bereits lässt von dieser Normalität keinen Stein übrig, die dritte erst offenbart das Wirken eines Plans von langer Hand, mit dem der Antagonist durch die Zeit reicht. Im Finale bedient sich die Erzählung noch eines überraschenden Twists.

fabrikDer Vorlage letztlich, wie ich finde, klar überlegen, bleibt Das Siegel des Mandschu doch noch deutlich hinter Kleudgens Möglichkeiten, seinem Können als Schriftsteller zurück. Die zweite Erzählung findet noch weitaus tiefer in das dunkle Herz der Fantastik hinein: Die Horror-Fabrik empfahl mir Kleudgen denn auch als sein bestes Buch.

Adler sucht die Fabrik auf, um ihre Schadstoffemissionen zu überprüfen. Noch bevor er sie in ihrem Waldversteck findet, begegnet er einem seltsamen, stummen Mädchen und wird beinahe Opfer eines rasenden PKWs.

Die Natur spielt hier eine wesentliche Rolle, der Wald nämlich „erstickt an sich selbst“. In seinem Dickicht stößt Adler nicht nur auf Hinweise für Wirtschaftskriminalität, sondern auf einen tatsächlichen Mordfall, wird überdies nachts von einem wirklich gewordenen Albtraum aufgesucht, erfährt Dunkles über die Geschichte der Fabrik selbst. Sie existiert seit mehr als einem Jahrhundert, ist ein Relikt der späten Industrialisierung und in ihren frühen Jahren wurde in ihr wohl Giftgas produziert. Was heute aber in der Fabrik hergestellt wird, lässt sich weder durch Adler, noch durch ihre Angestellten herausfinden. Ein Geheimnis wird hier gehütet, aber den Leser beschleicht schon bald das Gefühl, der Hüter könne noch über den Betreibern der Anlage stehen und am Ende nicht einmal aus der Menschenwelt stammen. Der Hölle der Fabrik steht ein wildes Waldvolk gegenüber, von dem ein Einsiedler mehr zu berichten weiß. Adler, der Ingenieur, begegnet hier einer Sehnsucht, aus dem Übel der Zivilisation auszusteigen, aber wie schon der seltsame Charakter des Waldes vermuten ließ, bleibt diese Freiheit für den Ermittler unerreichbar, zieht sich auch vor ihm zurück und lässt ihn allein dastehen. Darin liegt für mein Empfinden die Stärke der Erzählung. Zwei Seiten sind darin in merkwürdiger Liaison verknüpft, opponieren einander und lassen sich gleichermaßen nicht mit Adlers Ratio – sowie der des Lesers – durchdringen. Der Horroraspekt ist darin dunkel, ominös, beunruhigend eher als schockierend. Er übersteigt, wie nur in den herausragenden Werken dunkel-fantastischer Literatur, wahrhaft das Fassungsvermögen des menschlichen Verstands.

Jörg-Kleudgen+Saburac-ErzählungZum Dritten las ich Saburac, das sich mit Die Horror-Fabrik den Schauplatz Beuringen teilt, aber dadurch nur lose mit der anderen Erzählung verknüpft ist. Saburac – der Name ist der TV-Serie Catweazle entlehnt –, so bezeichnet Krebs, der Protagonist, aus einer inneren Regung heraus das Schloss von Beuringen. Ein zufälliges Abkommen vom Weg verschlägt ihn in den Ort und er ist ein Ort seiner Erinnerung, ohne dass Krebs sich ganz dessen bewusst wird. In Saburac ist der Wald nun gar dämonisch, sind auch auftretende Figuren wie der Herr mit dem grauen Hund an der Seite und einer Dohle auf der Schulter nicht geisterhaft, sondern mystisch. Noch mehr als Die Horror-Fabrik ist Saburac mythisch aufgeladen. Eigentlich sollte Krebs in Frankfurt seinen Arbeitgeber treffen, doch diese Wirklichkeit entzieht sich ihm. Ein Tagebuch, das Krebs in einem Antiquariat kauft und in dem er zu schreiben beginnt, wird ihm mehr als wichtig, wird sein ganzes Leben. Ebenen des wachen Erlebens, des Traums und der literarischen Fiktion beginnen sich nun gegenseitig zu durchdringen.

Die Erzählung schlägt einen persönlichen Ton an, auch eine psychologische Richtung ein, Krebs scheint zwischen Illusion und Desillusion gefangen zu sein, der Ausweg, der sich ihm bietet, erscheint wie einer, den nur ein Wahnsinniger finden kann.

www.goblinpress.de

Amateur Press Association (APA)

20170523_191742Ich bin nicht erst seit gestern im Untergrund-Geschäft, soll heißen im Fern-ab-vom-Mainstream-Publishing tätig – zehn Jahre werden das bald – und wusste schon, was eine APA ist, nur nicht so genau, wie sie praktisch funktioniert. Der olle H.P. Lovecraft war in einer APA, das hat man schon gehört, und dann „sind das also Leute, die sich gegenseitig Briefe schreiben … hat auch Goethe schon gemacht“ – und so stimmt das alles gar nicht. Hätte ich bei Wikipedia nachgelesen, wäre ich besser informiert gewesen.

„Eine Amateur Press Association oder APA ist ein Zusammenschluss von Autoren und Künstlern, die jeweils für sich alleine produzierte Egozines mehr oder minder regelmäßig in einem Apazine genannten Sammelwerk herausgeben. Die einzelnen Beiträge werden bis zu einem festgelegten Termin bei einem Ordentlichen Herausgeber (engl.: Official Editor, Central Mailer oder Distribution Manager) eingereicht, der sie zu einem einzelnen Heft bindet und dieses dann wieder an die Teilnehmer verteilt. Der Verbleib der Teilnehmer in der APA ist dabei häufig von einer Mindestanzahl eingereichter Seiten abhängig. Diese Minac (von engl.: minimal activity) gilt in der Regel pro Ausgabe des Apazines oder Jahr.
APAs werden häufig als Vorläufer der Internetforen beschrieben. Tatsächlich erfüllen viele APAs die Funktion von Diskussionsforen und waren bis zur Entstehung des Internets eine sehr effektive Methode, um sich in überregionalen Gruppen auszutauschen. Analog zu Internetforen gab und gibt es APAs zu den unterschiedlichsten Themen.
Die ersten APAs entstanden wahrscheinlich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, was sich allerdings nicht mehr genau festlegen lässt. Als älteste bekannte APA wird die am 19. Februar 1876 von Evan Reed Riale und neun Mitstreitern in Philadelphia gegründete National Amateur Press Association (NAPA) angesehen. Ihre Blütezeit erlebten die APAs zwischen 1960 und 1990. Danach ging ihre Zahl durch die Konkurrenz mit den Internetforen stetig zurück.
Eine langlebige, deutschsprachige APA ist die Futurian Amateur News (FAN), eine APA mit Schwerpunkt auf der Diskussion des Themas Science fiction, die mit Unterbrechungen seit den 1960ern aktiv ist. Zu den Apanauten genannten Teilnehmen zählten bereits mehrere (heute) bekannte deutsche Autoren, wie zum Beispiel Hans Joachim Alpers.“ (ganz platt zitiert aus WIKI)

Nun habe ich mal die Gelegenheit, mir ein APAZine aus der Nähe anzusehen, eine genauere Vorstellung zu entwickeln:

FUTURIAN AMATEUR NEWS – SF, Fantasy und der ganze Rest

Das ist echte Old School und so als Kind der 80er, als die Welt noch nicht digital und schon gar nicht web 2.0 war, fühle ich mich gleich heimelig berührt.
Die alte Schule ist ja eigentlich die, die die Gegenwart gestaltet hat, William Gibson z.B. ist genauso alt wie mein Alter Herr. Und die alte Schule wusste sich zu helfen, als es noch kein Internet gab. Helfen wobei? Wozu ist so eine APA gut? Kurze Suche, Treffer:

„Writing is one of the most personally punishing of the professions we could choose. We learn in a vacuum, taught by other people who are also feeling their way along because those “in the know” haven’t a clue on how to tell us what they want without belittling our every effort.
So how do we “preserve” what we do if we cannot get published? When you are ready to look back on your Life’s Work, will it be with an eye to the next winter’s fire, hidden in an attic, or bequeathed to a reluctant relative?
Who will know what you wrote? And what if it’s not that it was “bad” – it was simply not in style when written?“
(zitiert aus: https://zombiesalmonthehorrorcontinues.wordpress.com/…/ama…/)

Das Problem kennt man doch? Also schafft man sich einen Kreis aus Leuten, denen es ähnlich geht und tauscht sich aus. Was dabei entsteht (ein APAZine) ist eine Sammlung aus: Rezensionen, vielleicht mal Stories, Illustrationen, Con-Berichten, Überlegungen, Diskussionsgrundlagen und -beiträgen, am Ende gebündelt, vielleicht mit einem Editorial und so etwas wie einem Impressum versehen.
„Kann man sich alles sparen, und einfach in ein Forum einsteigen“ … oder auch nicht, denn im Prinzip geht im Forum der gestalterische Aspekt komplett verloren. Jedes Mitglied einer APA hat die Freiheit, seinen Beitrag für das APAZine (also sein eigenes EgoZine) nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Was dabei rauskommt, ist vielleicht mal extrem „amateur“, aber vielleicht auch mal auf höherem Niveau (im Sinne von Inhalt und Layout). Ein bisschen Glücksache für den, der das ganze Bündel in die Hände kriegt.
Von dem, was ich in die Hände bekam, bin ich teils angetan, teils auch nicht. Manches ist zu sehr „Insider“ als dass ich viel damit anfangen könnte (Kommentare zu vorigen Ausgaben, Antworten auf Aussagen, die mir verborgen bleiben, Kommentare, die darauf schließen lassen, dass sich die Mitglieder dieser APA schon länger kennen), anderes ist dafür wieder einfach zu verstehen. Manches wiederum ist für mich kaum interessant, anderes schon. Hier und da schwebt so ein Gedanke, dem ich mich anschließen kann, der Fragen aufwirft, die ich beantworten könnte oder über die ich gerne mal nachdenke. Ab und zu stoße ich auch mal auf so ein Ding, wo sich in mir Protest regt („Hallo? Was ist denn das für ein Quatsch? / Kann man so gar nicht behaupten! / Was hat das denn im fantastischen Diskurs verloren?“ usw.)
Hatte ich erst kürzlic andernorts schon über den „Neuer Stern“ (Fanzine, bzw. Rundbrief) gesagt, „man fühlt sich etwas wie im Salon, einem Club, einem vereinsmäßigen Zusammenschluss von Leuten mit ähnlichen Interessen“ (mich selbst frei zitiert), so kann ich das jetzt gerade wiederholen. Im Salon gibt es auch immer Leute, mit denen man einer Meinung ist, Leute, mit denen es funktioniert und Leute, mit denen man sich ständig in den Haaren liegt.

Nun zum Fazit: Ich, Schriftsteller, Underground-Publisher, Aficionado des Fantastischen, bin kein Stammtischtyp und mein Lebtag noch in keinen Verein eingetreten, dafür ist meine innere Anarchie wohl die Hauptverantwortliche. Was ich aber mag, ist das gemeinsame Spinnen von Seemannsgarn und der Austausch über Dinge, die mich bewegen. Wäre das nicht so, ich würde wohl kaum unzählige Stunden in die Herausgabe eines eigenen Low-Profit-Magazins stecken und stattdessen einfach für die Schublade schreiben.
Die Motivation hinter der APA ist mir mehr als verständlich. Tatsächlich bin ich gerührt, dass es sie heute noch gibt und denke: Fantastik findet nicht nur im eigenen Gehirn statt (auch mal nicht nur im Gaming von Konsolenspielen). Fantastik braucht offensichtlich den Zusammenschluss von Köpfen (mehr so „MMPORG …“). Was Lovecraft gemacht hat, gibt es immer noch und so kann das bleiben. Was anachronistisch ist, bestimmen immer noch WIR und die Zukunft wird bunt, wenn wir ältere Verfahren des Kreativen und des Gedankenaustauschs nicht ganz über Bord werfen.
Auf jeden Fall fühle ich mich um etwas bereichert, von dem ich davor noch gar keine richtige Vorstellung hatte.
Danke dafür, Thomas Hofmann.

Thomas Hofmann ist http://deutsche-science-fiction.de/?p=3551 … Herausgeber des Fanzines „Neuer Stern“ und gegenwärtig auch des APAZines Futurian Amateur News, schreibt über Phantastik auf Thomas Hofmanns phantastische Ansichten http://www.scifinet.org/scifinetboard/index.php/blog/64-thomas-hofmanns-phantastische-ansichten/ und ist in der Phantastik-Szene seit vielen Jahren als Illustrator bekannt.

Sláine – Comics in deutscher Erstausgabe

Mit dem Lesen von Comics habe ich erst recht spät angefangen, nach ersten Erkundungen als Kind war ich schon sechzehn, als mir vorausschlaue Freunde den Hinweis gaben, dass dort wahrhaft Phantastisches zu entdecken sei. Was ich ganz obenauf in die Finger bekam, war Sláine von dem britischen Autor Pat Mills. In meiner ersten Story steigt der keltische Krieger aus seinem eigenen Hügelgrab in der irischen Königsstadt Tara und erfährt durch einen christlichen Mönch, dass er sich in einer Zeit viele Jahrhunderte nach seiner eigenen Ära befindet. Im Auftrag der Erdgöttin Danu kämpft Sláine mit Boudicca gegen die römischen Besatzer Englands, später gegen angelsächsische Invasoren um die Schätze Britanniens und als ein Double von Braveheart gegen die normannischen Engländer des Mittelalters. Soweit in etwa, was man bisher in deutscher Übersetzung beim Feest-Verlag erfahren durfte. Das ist aber bei Weitem noch nicht die ganze Geschichte.
Slaine-Band1Der gerade erst neugegründete Dantes Verlag hat nun angekündigt, mit vorläufig neunzehn Bänden (Sláine ist immer noch fortlaufend) die vollständige Reihe seit 1983 im britischen Comic-Magazin 2000 AD erschienener Sláine-Comics herauszubringen. Was für ein Spaß! Da wünsche ich langen Atem und viel Erfolg. Der erste Band bei Dantes, Sláine – Morgendämmerung, erschien in den letzten Tagen. Das ist nun noch nicht die Blüte, die Sláine mit späteren Storylines von Zeichnern wie Bryan Talbot, Glen Fabry, Clint Langley und meinem Favorite Simon Bisley erreicht – dies sind die Wurzeln.
Lange bevor Sláine vorwärts durch die Zeit reist, wandert er als von seinem Stamm ausgestoßener Krieger durch die Welt keltischer Mythen am Ende der letzten Eiszeit, als England, Irland und das europäische Festland noch eine Landmasse bilden.
Im englischsprachigen Wikipedia-Artikel findet man ein paar irgendwie witzige Einträge zu Sláine:
Alter ego: Sláine Mac Roth
Team affiliations: Tribes of the Earth Goddess
Abilities: Warp-spasm
Nun ist Sláine kein Superheld, Sláine Mac Roth ist einfach nur sein vollständiger Name und sein Stamm, die Sessair, gehören zu den Stämmen der Erdgöttin. Der Warp-Spasm, zu Deutsch Wellenkrampf, ist ein dem Berserken ähnlicher Zustand, in dem die Kraft der Erde selbst durch den keltischen Krieger fließt, ihn physisch monströs verzerrt, in ihm einen Blutrausch auslöst und ihm titanische Kampfkraft verleiht.

Slaine-WarpSpasm
Slaine-SloughFeg

 

 

 

 

 

Seine Gegner in dieser frühen Epoche sind Krieger feindlicher Stämme, vor allem der Drunen, die mit Todesmagie und im Gefolge des verderbten Gottes Slough Feg Verheerung über Land und Leute bringen, Balor vom Bösen Auge und sein aus dem Meer gestiegenes Volk der Fomori, sowie Dämonen aus den abseits der Erde gelegenen El-Welten. Sláine wird später zum Hochkönig gewählt, kämpft um die Einheit aller Stämme und vereinigt die Herrschaft über vier mystische Waffen, die den Stämmen der Erdgöttin gehören. Pat Mills schreibt hier ein Potpourri keltischer Legenden, bedient sich dazu aller möglichen Quellen irischer, britannischer und walisischer Überlieferung und erschafft den keltischen Mythos ganz neu.
Vor allem erinnert Sláine natürlich an Cuchullain, den keltischen Helden aus Ulster, natürlich auch an Conan – Sláines Welt ist eine Sword & Sorcery-Welt, die sich gut mit Robert E. Howards Hyperborea vergleichen lässt. Begleitet wird Sláine von seinem Hofnarren Ukko, dem Zwerg. Der ist letztlich auch Erzähler und Chronist aller Geschehnisse und bricht das heroische Epos mit immer komischer, meist derbe zotiger Parodie.
Die Reihe fügt sich mit ihrer Mischung aus Witz, Gewalt und zwangloser Phantastik nahtlos in den Verbund der Serien von 2000 AD ein – hier sind unter anderen ABC Warriors, Nemesis the Warlock und, am bekanntesten, Judge Dredd zu nennen, für die Pat Mills neben Sláine ebenfalls textete. Etwas abseits vom amerikanischen und dem franko-europäischen Stilgefühl ist Sláine natürlich von britischem Humor geprägt und macht da als Comic auch keine Abstriche gegenüber dem Epischen, das Pat Mills aber ebenfalls meisterhaft in Szene setzt. Anders als es bei langlebigen Serien oft üblich ist, schreibt Mills die Serie seit 1983 mit seltenen Ausnahmen selbst. Sláine kommt somit zumindest literarisch aus einer Hand und bleibt über die Jahrzehnte unverfälscht.
Slaine-HornedGodAuf gleicher Stufe mit anderen Klassikern des Genres ist Sláine schlechthin Die keltische Fantasy-Saga, ohne Konkurrenz. Vor allem mit der grafisch von Simon Bisley umgesetzten Storyline The Horned God (Der Gehörnte Gott) geht Sláine in die Hall of Fame der Fantasy ein. Was hier stark idealisiert beschworen wird, ist der „Keltische Geist“, die Liebe zur Erde, Naturmagie, Akzeptanz des Matriarchats. Mills gelingt es, den dafür nötigen Feinsinn mit maskulinem Barbarentum einer Fantasy der Siebziger Jahre zu verbinden.
Bis die Reihe der Ausgaben von Dantes Verlag zu diesem Höhepunkt gelangt, wird man noch bis zum siebten Band warten müssen. Für mich wird das Neulesen auch der gesamten Serie allerdings von mehr als bloß genre-historischem Interesse sein.

Sláine 1 – Morgendämmerung (Dantes Verlag, 2017)

https://www.dantes-verlag.de/
https://www.2000adonline.com

Die Stadt der tausend Treppen – Robert Jackson Bennett

 

ist ein Fantasy-Roman der Seltsamkeiten.

bennet_treppenSeltsamkeit ist hier zunächst einmal ein Gefühl, das sich vielleicht von Bennetts übrigen Werken herleiten lässt. In deutscher Übersetzung liegen davon zwei Romane vor – Mr. Shivers (Piper, 2011) und Silenus (2012), die ich als Amerikana Fantasy bezeichnen möchte, bzw. nicht ganz passend bei Horror einsortieren muss. Bisher nur im Original kommen The Company Man (Orbit, 2011) und American Elsewhere (2013) hinzu, und dieses Oeuvre trägt durchweg tief eingegrabene Züge der Weird Fiction, also des Seltsamen per Definition. Bennett verbindet in seinem Erstling, wie Michael Perkampus es in seinem Artikel über Mr. Shivers [LINK] formuliert, Stephen Kings Phantastik mit John Steinbecks Sichtweise auf Amerika. In seiner Fantasy-Reihe Die göttlichen Städte sind diese Elemente noch spürbar, aber zu etwas Eigenem gereift, einem Stil und einer Auswahl an Sujets, die Bennetts Besonderheit Gestalt werden lassen.

In der Welt der göttlichen Städte sollten Wunder nicht existieren, denn ihre Götter wurden längst von den Sterblichen niedergeworfen und getötet. Bulikov, die Stadt der Treppen selbst, war einmal eine heilige Stadt und ist heute ein nur noch von Menschen bewohntes Ruinenfeld, in dem Treppen in den leeren Himmel ragen, wo einst die Bauten der Götter thronten und nun nicht mehr sind. Die Bevölkerung ist von diesem Verlust traumatisiert und wird von ihnen verhassten Fremden beherrscht.

Eine Ermittlerin, Shara Thivani, kommt nach Bulikov – wir betreten mit ihr einen Krimi-Plot – in Begleitung ihres Leibwächters Sigrud je Harkvaldsson, eines Barbaren, der uns einen deutlichen Anklang an Epische Fantasy beiträgt. Es gibt Automobile und elektrisches Licht, Feuerwaffen auch – doch Metall ist in dieser Welt rar – und das über die Götter und den zentralen Kontinent siegreiche Imperium des Nordens erinnert in allen Beschreibungen seiner Politik und Expansion mehr an das britische Empire oder Österreich-Ungarn, als an den klassischen Archetypus der Fantasy. Unsere Ermittlerin geht dem Verschwinden eines Wissenschaftlers, ihres Mentors nach und stolpert bald in ein Gespinst aus Legenden und Lügen. An gewissen Orten der Stadt lässt sich, wie sie herausfindet, jenes andere, alte Bulikov betreten, in dem die Bauwerke der Götter noch immer stehen. Die Götter selbst, zumindest manche, scheinen der Vernichtung doch entgangen zu sein und die Menschen dieses kolonialisierten Kontinents könnten ihnen zu neuer Macht verhelfen.

Was sich hier auftut, ist ein Kampf der Moderne gegen das Wunderbare, das nicht totzukriegende Vergangene, an dem die Unterworfenen hängen, als hätten die Götter ihnen jemals Freiheit bedeutet und nicht mit grausamer Hand über sie, wie über alle Menschen, regiert. Der Roman begeht melancholische Pfade der Philosophie, irgendwie ist das Geschehen ein Danach, denn die wirklich epischen Zeiten sind längst vorbei, und doch fehlt es an keiner Stelle an Spannung. Im Finale kommt, gerade mit Leibwächter Sigrud, die Action nicht zu kurz, die wir von heroischer Literatur erwarten. Das Wunderbare selbst trägt oft morbide Züge, ist dann wieder die Magie eines klassischen Fantasy-Romans, doch wir sehen es immer durch die Augen und mit dem wissenschaftlichen Geist Shara Thivanis, sodass seine Bedrohlichkeit als Übernatürliches von der Begeisterung der Forscherin komplementiert wird, ohne an Phantastik zu verlieren.

Die Fortsetzung zeigt uns Voortyashtan, eine andere Stadt des alten Kontinents, in der ebenfalls Hinterlassenschaften der Götter existieren. Wieder entsteigt etwas der Vergangenheit, das die Moderne bedroht. Die Hauptfigur ist hier General Turyin Mulaghesh, eine hartgesottene Soldatin, die in Die Stadt der tausend Treppen bereits eingeführt wurde. Der dritte Teil der Trilogie, gerade im Original erschienen, führt zurück nach Bulikov und zu Sigrud je Harkvaldssons persönlicher Geschichte. Außerdem erweist sich einmal mehr: die Götter sind noch immer im Spiel.

Es fiele mir schwer, die Trilogie einwandfrei einem einzelnen Genre zuzuordnen, allerdings fehlt dadurch nichts, was ich von Genre-Literatur erwarte. Vielmehr kommt ein seltenes Element hinzu, eine befriedigende Andersartigkeit, die Werken von beispielsweise China Mieville oder Jeff VanderMeer zu eigen ist. Der Weltenbau erscheint mir ausbaufähig, der im Hintergrund stehende Mythos noch nicht ganz ergründet. Sollte Bennett jemals in die göttlichen Städte zurückkehren, kann ich mir das nur als Bereicherung vorstellen und als noch junger Schriftsteller der Phantastik ist Bennett ganz sicher einer, den man im Blick behalten sollte. Seine Werke wurden folgerichtig bereits mit zwei Shirley Jackson Awards und einer ganzen Reihe anderer Literatur-Preise ausgezeichnet.

 

Die Stadt der tausend Treppen – die göttlichen Städte 1 (Bastei, 2017) / Fortsetzungen sind bereits angekündigt / Originalveröffentlichung: City of Stairs (Broadway Books, 2014)

http://www.robertjacksonbennett.com

Glen Cook, The Black Company

Es beginnt damit, dass eine Söldnerarmee in den Dienst eines Reichs des Bösen tritt. Unser Erzähler ist der Chronist dieser Schar, der Black Company, und er führt uns im ersten Roman der Reihe episodenweise von einer Mission zur nächsten, die die Söldner für die dunkle Herrscherin, die „Lady“, durchführen.
Black_Company_1_Seelenfaenger-200x304Die Stimmung prägen der lakonische Soldatenton und das regelmäßige Warten bei Kartenspielen, das von immer wieder explosionsartig drein hauender Action unterbrochen wird. Die Magier der Truppe, selbst alles andere als vertrauenswürdige Gestalten, entwickeln bald ein Gespür für die Fehden, die zwischen den Hauptleuten des Imperiums ausgefochten werden. Diese sind allesamt zauberkundige Wesen, die längst, vor Jahrtausenden, alle Menschlichkeit aufgegeben und sich allein dem Kampf um Macht verschworen haben. Die Söldner geraten zwischen ihre Fronten, allmählich, über viele Episoden hinweg, entwickeln sich Plot-Stränge, die erst zum Ende des ersten Romans hin in Richtung einer größeren, umfassenderen Handlung deuten, einer Story, die sich im Fortgang der Serie immer mehr zu einer Woge der Gewaltsamkeit aufbaut und deren Erzähler konsequent von Buch zu Buch wechseln.
Die Armee wechselt die Seiten, kämpft gegen das Reich der Lady. Der dritte Roman begibt sich auf Abwege, ist eigentlich ein Spin-Off, der vierte kehrt zur Armee zurück, die jetzt auf dem Weg nach Süden ist, um ihren eigenen, in Vergessenheit geratenen Ursprung zu finden. Es wird mehr und mehr episch und immer sind die Schurken nicht totzukriegen, kehren wieder und wieder, bis zum Verrücktwerden.
Überwiegend wird die Erzählung von Militärischem bestimmt. Die Schar wächst zur Großmacht heran und schwindet wieder zur Handvoll, kehrt endlich den Spieß um und führt Kampagne nach Kampagne gegen die uralten Mächte. Loyalitäten wechseln wie Winde und selbst aus den wirklich Bösen können Alliierte und irgendwie beinahe Gute werden. Wenigstens ein oder zwei von ihnen entdecken sogar ihre totgeglaubte Menschlichkeit wieder. Größere Horizonte tun sich dabei von Buch zu Buch auf, diese eine Welt ist nicht die einzige, die Bestimmung der Black Company selbst ist in keiner Weise eindimensional.

Zitat: “With the Black Company series Glen Cook single-handedly changed the face of fantasy – something a lot of people didn’t notice and maybe still don’t. He brought the story down to a human level, dispensing with the cliché archetypes of princes, kings, and evil sorcerers. Reading his stuff was like reading Vietnam War fiction on peyote.” – Steven Erikson

Black_Company_2_Todesschatten-200x304Glen Cook schrieb schon in den Siebzigern Fantasy (Dread Empire), legt seit 2005 eine neue Fantasy-Reihe vor (Instrumentalities of the Night), veröffentlichte außerdem zwei SF-Reihen (Starfishers und Darkwar), sowie sieben Einzelromane und die mit neun von vierzehn Bänden auch ins Deutsche übersetzte Reihe Die Rätsel von Karenta (orig. Garrett P.I.), eine humoristische Urban Fantasy mit einem Noire-mäßigen Privatdetektiv als Hauptfigur. Sein Werk durchzieht eine außerordentlich pragmatische Herangehensweise an das Phantastische, an Magie und an übernatürliche Wesenheiten und Götter. In seinen drei epischen Fantasy-Reihen sind letztere immer das Ziel im Sinne von „schieß darauf, bevor es Dich niedermacht“.
Für mein Empfinden ist The Black Company so etwas wie der Italo-Western der Fantasy. Helden gibt es hier wirklich nicht, nur Söldner, die nicht anders können als zu handeln, wenn die Welt durch das Wirken magischer Großmächte unterzugehen droht. Das hier ist nicht der Herr der Ringe oder irgendeine Fantasy-Trilogie mit zögerlichen Protagonisten, das hier ist der pure Ernst, der pure Wahnsinn der Magie, der pure Spaß am Phantastischen.
Es gab einen Ansatz, die Reihe ins Deutsche zu übersetzen, unter dem Titel Die Schwarze Schar wurden 1999 die drei Bücher der ursprünglichen Reihe The Books of the North bei Blanvalet herausgegeben. Dann kam nichts mehr. Zum Glück hat sich nun ein kleinerer Verlag für Rollenspiele, Spielebücher und phantastische Literatur daran begeben, uns über die weiteren Feldzüge der Black Company zu unterrichten. Bei Mantikore sind seit 2016 bereits drei Bände erschienen, ich wünsche dem Verlag und uns allen das Glück, bis zum Ende durchzuhalten. Denn ohne Glen Cook wäre Military Fantasy nicht was sie ist, wäre Steven Eriksons Opus Magnum Das Spiel der Götter wohl nicht was es ist, wäre schließlich Grimdark, wie wir heute das Genre erwachsener, grimmiger, realistischer und doch phantastischer Fantasy nennen, nicht was es ist. Cook legte hier die ersten Steine eines Pfads, der heute mit Joe Abercromby, Anthony Ryan, Mark Lawrence, Luke Scull, Sam Sykes u.v.a. in eine der Zukünfte der epischen Fantasy führt.
Möglich, denn diese Nachricht geht gerade um, ist, dass uns The Black Company demnächst als TV-Serie präsentiert wird. Wird nun Das Lied von Eis und Feuer, bzw. die TV-Serie The Game of Thrones für finster und in ihrem Umgang mit den Protagonisten gnadenlos erklärt, könnte sie darin mit einer Verfilmung des Werks von Glen Cook noch deutlich übertroffen werden.
Black_Company_3_Dunkle_Zeichen-200x304Mehr als darauf werde ich mich freuen, wenn Cook seine Ankündigung wahr macht, trotz einem schon sehr befriedigenden Abschluss der Romanwelt noch zwei weitere Bände schreiben zu wollen. Glen Cook, der nie hauptberuflich Schriftsteller war, ist seit einigen Jahren in Rente, die Black Company darf er für mich nur zu gerne aus dem Ruhestand zurückkehren lassen.

 

 

The Black Company 1 – Seelenfänger (Manticore, 2016) / Originalveröffentlichung: The Black Company (TOR Fantasy, 1984.)

http://mantikoreverlag.de/cook-glen/

Das Spiel der Götter – Ein Liebesbrief

Draw close then

And dry these tears

For I have a story to tell.“

– Fisher kel Tath

Im Mai 2017 erschien mit Tod eines Gottes nach fünfjähriger Pause der fünfzehnte Band der Roman-Reihe Das Spiel der Götter von Steven Erikson – worauf man wohl kaum noch zu hoffen wagte. Anlässlich dieses festlichen Ereignisses folgt hier mein kurzer Erlebnisbericht.Malaz1

Es war 2006 als ein Freund und Dozent an meiner Uni mir ein Geschenk in Form eines Fingerzeigs machte. Er öffnete mir die Pforte zu einer Welt, die ich seitdem geistig wohl nie wieder ganz verlassen habe, die Welt des malazanischen Imperiums.

Ich war zu der Zeit mit meinem Studium beschäftigt, Literatur und Philosophie, hätte in den folgenden Tagen eigentlich an Hausarbeiten schreiben oder wenigstens Lektüre in meinem Fachgebiet betreiben sollen. Stattdessen las ich Die Gärten des Mondes, Band Eins der Reihe Das Spiel der Götter, am Stück und kaum fähig, zwischendurch überhaupt abzusetzen, bis zum Ende durch, gab dann meinem Freund das Buch zurück und sagte: „Das geht gerade nicht, das ist viel zu gut, ich muss mich um mein Studium kümmern!“ Keine Woche später hatte ich mit Band Zwei, Im Reich der Sieben Städte, angefangen.

Wenn man wie ich in diesem Fall spät auf eine Romanreihe stößt, hat man den Vorteil, gleich viel am Stück lesen zu können. Die Gärten des Mondes war 2000 erschienen, nur ein Jahr nach der Veröffentlichung des Originals in den USA, und von 2006 bis 2008 grub ich mich durch zehn Bände eines echten Meisterwerks moderner Fantasy-Schreibung, nach meinem Dafürhalten dem Meisterwerk schlechthin. Mag sein, dass mein Studium darunter etwas gelitten hat.

Dann Begann die Phase des Wartens auf den nächsten Band – und den nächsten – und übernächsten, dann wurde mir das Warten zu lang, ich wechselte zum Original und schloss die Reihe bald darauf ab. Fantasy wird für mich nie wieder nur ein Tummelplatz jugendlich-zögerlicher Helden sein, nie wieder nur aus Elfen, Orks und Zwergen bestehen. Das hat Steven Erikson für mich für immer verändert und mir damit gegeben wonach ich seinerzeit lange gesucht habe: Fantasy für den erwachsenen Leser. Er führt damit eine literarische Tradition fort, als deren Prototyp man wohl eher die in den 1980er Jahren erschienenen Romane der Black Company-Reihe von Glen Cook denn Tolkiens Lord of the Rings ansehen darf und die heute als Grimdark bezeichnet wird.

Auf seinen an die zehntausend Seiten erzählt Das Spiel der Götter die Geschichten buchstäblich hunderter Figuren. Die meisten davon kommen zu einem Abschluss, ohne auf absehbare Weise zu enden. Wir sehen den Aufstieg menschlicher Wesen zum Status von Göttern und ihren Fall, Magie ist ein komplex ausgebautes System, die Geschichte der Welt selbst wird an zahlreichen Schauplätzen erzählt, die über viele Kontinente verteilt sind, und umfasst Jahrhunderttausende und Zeitalter, die unter der Last der ihnen nachfolgenden verschüttet, aber oft noch lebendig sind. Den einen Schurken oder bösen Herrscher gibt es nicht, dafür viele, aber es gibt auch keine Helden im üblichen Sinn. Ob die Figuren Menschen sind oder zu anderen Völkern gehören, sie sind immer auf zutiefst menschliche Weise verständlich, selbst dort, wo sie die Sphäre der Sterblichen längst verlassen haben. Es gibt wirklich keine hundert Seiten in dem Gesamtwerk, die nicht durch die Kraft eines Dutzends fantastischer Ideen und Konzepte pulsieren. Diese Vielschichtigkeit und Unbändigkeit ist es, die mich selbst beim wiederholten Lesen in Staunen versetzt. Tragik, Witz und Weisheit bei unablässiger Spannung und nicht zu wenig Action machen die größten Fantasy-Epen zu dem was sie sind und Das Spiel der Götter vernachlässigt keinen dieser Aspekte.

Es sei erwähnt, dass Erikson Jahre mit der Vorbereitung auf das tatsächliche Schreiben zugebracht und dabei auf sein Fachwissen als Archäologe zurückgegriffen hat, dass ihn bei alldem lange Rollenspielerfahrung den Rücken im Weltenbau und der Führung der Figuren stärkte.

Eriksons Werk ist längst weltweit erfolgreich, wenn es auch anderen Fantasy-Reihen im Grad der Bekanntheit nachsteht. Dass deutsche Leser gar solange auf die letzten Übersetzungen warten mussten – und noch müssen – ist eine ärgerliche Angelegenheit. Der Übersetzer, Tim Straetmann, leistet da aber auch wiederum hervorragende Arbeit. Die Entscheidung für eine konsequente Eindeutschung aller Namen und Begriffe leistet für mein Empfinden eine zusätzliche Verfremdung der erzählten Welt, die den Eindruck, hier in etwas gänzlich Anderem, stets Unerwartetem unterwegs zu sein, nur noch steigert.

Wer seit Jahren auf den nächsten Band der Reihe wartet, kann vielleicht noch einmal von vorne anfangen und wird es wohl nicht bereuen. Für alle, die erst jetzt einsteigen, kann der Zeitpunkt kaum günstiger sein. Euch erwartet hier etwas wirklich Neues. Der Rest der Welt kennt das Ende schon längst, nun ist es auch im deutschsprachigen Raum endlich in Sicht.

Ein einziges Manko der neuen Ausgabe sehe ich in der Wahl des Artworks und der Covergestaltung, da waren mir die früheren Inkarnationen der Reihe deutlich lieber. Dafür haben die neu aufgelegten Bände einen sehr vernünftigen Preis.

Epilog: Steven Erikson hat sein Opus Magnum innerhalb von nur zwölf Jahren veröffentlicht, also beinahe jedes Jahr ein Buch von an die tausend Seiten geschrieben. Nebenbei stieg sein Freund aus Studienzeiten und Mitentwickler der Welt von Malaz, Ian C. Esslemont, 2004 mit eigenen Beiträgen in die Reihe der Veröffentlichungen ein. Auf sein Konto gehen inzwischen sieben Malaz-Romane und der achte ist für Sommer 2017 angekündigt. Erikson wiederum pausierte nicht lange und legte nur ein Jahr nach dem Abschlussband der Hauptreihe schon den ersten Band einer Trilogie vor, die ihr Schlaglicht auf einen der faszinierendsten Ursprungsmythen der Welt von Malaz wirft. Hier liegt seit 2016 bereits der Folgeband vor, noch dazu stammen aus Eriksons Feder sechs veröffentlichte Novellen, die ebenfalls in dieser Welt angesiedelt sind.

Ein Ende nun doch nicht in Sicht? Nein, zu unserem Glück! Tim Straetmann darf noch lange lange weiter übersetzen. Es bleibt zumindest zu hoffen, dass uns die genannten Werke irgendwann ebenfalls in deutscher Fassung präsentiert werden.

(Titelbild: http://malazan.wikia.com/wiki/Siege_of_Pale)