The Revolution will be televised

X tigert auf und ab und schwingt dabei Reden, das heißt einen langen Monolog, ein unablässiges Entladen von Wut, ein langer Aufruf zur Revolution. Tigert auf und ab in seiner drei mal drei Meter großen Zelle, die von der Kamera als Ganzes erfasst wird.

X kommt immer wieder bis nah an die hoch unter der Decke positionierte Linse heran, blickt auf, schaut immer genau hinein und wenn er ganz nah ist, könntest Du fast glauben, seine Spucke auf Deinem Gesicht zu spüren. Kleine Tröpfchen davon sammeln sich zu einer Schliere, verzerren das Bild, bis die Selbstreinigung der Linse die Spucke zum Rand ableitet.

X ergeht sich in gerechtem Zorn und wirkt dabei bedrohlich, obwohl Dir schon klar ist, dass sein Tigern das eines in Gefangenschaft hospitalisierten Tigers ist, der sich längst die Zähne an den Gitterstäben seines Käfigs stumpf gebissen hat.

Beides hat eine befriedigende Wirkung auf Dich, sowohl die unter der Haut des Kamerabilds spürbar wallende Kraft des revolutionären Raubtiers, als auch die Gewissheit, dass er niemandem schaden kann. Du und Millionen andere seid dieser Befriedigung verfallen und schaut wann immer Ihr nur könnt zu. Diese Revolution unter der Haut zu spüren, die doch nie ausbrechen wird, hält Euch lebendig.

Zur Abwechslung auf einem anderen Kanal: Die Genoss*innen sitzen beisammen und debattieren, diskutieren sich die Köpfe heiß, geben einander Halt und machen einander Mut. In ihrem sieben mal sieben Meter großen Raum sitzen fünf von ihnen beisammen und hören wirklich niemals auf, die Revolution zu planen, in bunten Details von der Propaganda bis zur Tat und dem Generalstreik, der ein ganzes Land, nein, alle Länder lahmlegt, und dann kommen die Räte an die Macht und es wird diesmal gründlich abgerechnet, und bei allem schaut die Kamera und schauen Du und Millionen andere synchron mit Dir hinter der Kamera zu. Eigentlich wisst Ihr nichts von einander, nur durch das Bild seid Ihr verbunden und durch die Revolution und die Genoss*innen, die selbst gar nicht wissen, dass sie in ihrem Strafraum, in dem sie sitzen, beobachtet werden.

Ihr macht Euch jetzt vielleicht ein Bier auf oder schlagt eines Eurer Kinder, ohne dabei den Blick vom Bild abzuwenden. Eure Kinder hingegen – Eure Kinder beobachten Euch und anstatt zu sehen, was Ihr auf dem Bild seht, hören sie zu.


(c) Tobias Reckermann, 2023

Veröffentlicht von

Tobias Reckermann

Schriftsteller Mitarbeiter bei Whitetrain