Rumors Fährte

Dark Fantasy – Horror – Weird Fiction

Auf Rumors Fährte übertreten Menschen uralte Grenzen und geraten an Orte jenseits ihrer Vorstellungskraft.

Schwarze Fantastik – 16 Erzählungen

263 Seiten

als Taschenbuch und Ebook – Shop

 

 

 

 

Tobias Reckermann hat eine Stimme, sie sich nicht mit Erklärungen aufhält. Du öffnest die Tür, und das Geschehen tobt los. Zum Schluss sitzt man da und will – wie Erik sagt – unbedingt mehr wissen. – phantastikon.de

Seine Phantastik ist absolut irre – irre, im guten Sinne. – scifinet.org

Ein vielseitiger Autor, der sich gern auch mit den philosophischen Dimensionen der Phantastik beschäftigt. – Visionarium

Geschichten wie aus dem Schnellfeuergewehr. Der Autor bedient sich eines Worldbuildings, das erst wie ein Feuerwerk krachenderweise bunte Blumen über den Köpfen seiner Leserschaft zeichnet, nur um die einzelnen Fragmente dann wie Meteoritengeschosse auf sie herabregnen zu lassen. – Erik Andara

Stiller Einschlag (Fragment)

Stiller Einschlag

ganz anders als an jenem anderen Ende der Zeit, da wo du wie von einem Erdrutsch von ihr entlang deiner Jugend fortgeschleift wurdest, bleibst du jetzt wie zu schwer geratenes Treibgut am Grund ihres Stroms liegen und horchst.

Aus der Zeit zu treten, sollte ein Willensakt sein, und geschieht doch unabsichtlich – nicht zufällig, sondern vorherbestimmt, aber doch unvorhersehbar. Man lebt länger als man sollte. Die Zeit hängt einen ab und gibt Gas, braust davon.

Und dann? Setzt die Schwingung ein und breitet sich in der Leere aus. Die Frequenz einer ganz anderen Existenz, einer Gestalt im Raum, mit der man über einen unvorstellbar weiten Abgrund hinweg seltsam verbunden ist.

Dann schlägt das Herz eines Planeten in dir. Aber nicht das Herz des Planeten, auf dem du lebst. Es ist das Herz eines Himmelskörpers in unwahrscheinlich weiter Ferne, der nun mehr Wirklichkeit annimmt, als dein gesamtes bisheriges Leben. Dunkel – tiefblau – schwebt es im All, sendet seine Stimme über den Riss im Raum hinweg zu dir.

Spricht.

Dashiell legte den Stift nieder und wandte sich anderen Dingen zu. Es war Sonntag. Am Abend eines der folgenden Werktage schrieb er: Schlaf ist ein sich Betten auf dunkle unermessliche Wasser und ein Legen des Ohrs an die Haut der Tiefe. Schlaf ist ein sich Betten in Erde und ein Erfühlen alles Unergründlichen. Erwachen ist ein Aufgehen in Feuer und ein Aufsteigen wie von Asche mit dem Wind. Und etwas später, nach einem angestrengten Hin und Her zwischen eiligen Gedanken: … das Problem mit Wegen ist, sie führen wohin. Ihr Ziel ist niemals wirklich unbekannt und ab von Wegen stößt man doch wieder auf sie. So ist alles in Ursprünge und Ziele aufgeteilt, in ein Gerüst gesetzt, gebannt.

Wie wäre es, wenn Straßen nirgendwohin führten, wenn alle Wege nur Einladungen zur Ziellosigkeit darstellten, wenn jedes „auf dem richtigen Weg“ unbedeutend und die Vorstellung, an einen bestimmten Ort unterwegs zu sein überhaupt, Trugbild, Chimäre wäre, das Dorthin ein Fantasma und das Woher ein immer offenes Rätsel, ein Mysterium, ein Gespenst?

Wären Wege so, wozu wären sie dann, wenn nicht nur dazu, der Allmacht der Desorientierung ein Gesicht zu verleihen, ein Symbol und Sinnbild für die Weglosigkeit im kosmischen Einerlei, kurz: dem Universum?

In Wahrheit entsteht doch jeder Pfad aus Rauschen und geht wieder in Rauschen hinein.

Als es wieder Wochenende wurde, nahm Dashiell wieder den Stift zur Hand und schrieb: der vertrocknete ausgehöhlte Panzer der Welt dreht sich, schwebt verlassen im Überall. Die Aasfresser sind fort. An vielen Stellen aufgebrochen, verbrannt und brüchig wie altes Papier, ist er zu nichts weiter nütze, denn als Zeuge einer wilden Vergangenheit.

Der Versuch, zu Schreiben, schlug in seinen Augen jedes Mal fehl. Keine der möglichen Kombination von Worten erschien ihm notwendig, unerlässlich. Aus seinen Träumen wusste Dashiell von der Veränderlichkeit der Dinge, ihrer Unstetigkeit, und vertraute darauf, das alles ein Anderes zu sein vermochte. Nur er selbst wähnte sich in seiner Gestalt erstarrt, unveränderlich, wie in Stein gebunden. Schreiben sollte ein Versuch sein, diese Starre zu durchbrechen. Manchmal fühlte er die Wirklichkeit dabei vorübergehend weich werden, aber zumeist war es eher ein Kratzen an der Mauer eines Kerkers oder der fehlschlagende Versuch, den richtigen Dietrich zu dessen Schloss zu finden.

Dashiells Ebene war kein Hochplateau, sondern eine Niederung mit einer unverrückbaren Dunstglocke darüber. Alltage gingen darüber hin und atmeten abgestandene Luft, die schon oft geatmet, oft gebraucht worden war, und wenig Lebenspendendes an sich hatte. Diese Ebene war grau. Seltsam grau, denn Farbe gab es überall. Es hieß, die Welt sei bunt, doch Dashiell wusste es besser, ahnte, es zu wissen: sie war in Wahrheit nicht einmal schwarzweiß, sondern bloß etwas dazwischen.

Er ging einer Verwaltungstätigkeit nach. Zu viele stunden an zu vielen Tagen die Woche, um sich in andere Sphären zu versenken, was er während eines langen Literaturstudiums ohne Abschluss geliebt hatte. Die Arbeit fraß ihn in kleinen Stücken auf, veränderte sein Gehirn hin zum Marschtritt einer grauen Masse, die er beargwöhnte und vor deren Potential zum Bösen er sich fürchtete. Dashiell spürte über seinem Leben ein Verhängnis schweben und nicht nur darüber, sondern über allem. Seiner ganzen Welt und Wirklichkeit.

1. Ein Verhängnis

Die Oberhäupter zweier opponierender Weltmächte trafen sich in einem asiatischen Drittland und vereinbarten großartige Änderungen in ihrer bilateralen Beziehung, die letztlich, das wusste Dashiell, nichts verändern würden.

Stürme fegten über Dashiells Heimat und ertränkten Menschen in Unterführungen auf ihrem Weg Nachhause oder zur Arbeitsstelle.

Flüchtlinge aus Afrika durften in einem südeuropäischen Land nicht von Bord ihres havariereifen Schiffes gehen und warteten auf die Mildtätigkeit eines anderen Landes, das sie doch schließlich aufnehmen musste.

Der Plastikanteil im Wasser der Ozeane lief dem Fischanteil den Rang ab. Solange Erdöl auf dem Planeten zu finden war, würde weiterhin jedes Konsumgut in Plastik verpackt werden und Dashiell stellte sich vor, dass in wenigen Jahren selbst Kinder antiseptisch eingeschweißt zur Welt kommen mussten, wollten sie nicht mit ihrem Einbürgerungsantrag an den Hygienebestimmungen der Erde scheitern.

Ein sehr reicher Mann versprach den Erdlingen für die nahe Zukunft einen Fluchtweg zum Nachbarplaneten und versetzte zum Beweis der Ehrlichkeit seiner Absichten ein Automobil in die Erdumlaufbahn, dessen Musikanlage Major Tom von David Bowie in einer Endlosschleife abspielte.

Dashiell funktionierte, ging zur Arbeit und tat das Nötigste außenherum. Viel mehr konnte er nicht tun. Zu einem Ausbruch aus seiner eigenen Endlosschleife fehlten ihm der Mut und die Kraft. Etwas konnte Dashiell allerdings tun, und musste es, wenn er auf seine ureigene Stimme horchte. Er musste schreiben und wenigstens versuchen, sein Gespür für das Verhängnis in Worte zu fassen. Er musste auf diese Weise zumindest darauf hinweisen,, selbst wenn ihn niemand hörte. Dashiell wusste immerhin, dass er mit dem Gefühl nicht allein war. Es gab einschlägige Begriffe dafür, die mehrheitlich dem Vokabular für seelische Pathologie angehörten, oder dem Mystizismus. Der Kassandra-Komplex, Melancholie, Depression – oder Schwarzmalerei, wenn man über die Schwere der Empfindung hinwegging.

Kunst bestand schließlich zu einem nicht geringfügigen Anteil aus dem Versuch, solchen Schatten Gestalt zu geben, die im Hinterkopf vieler Leute hausten und sich besonders bei Künstlern heimisch zu fühlen schienen. Da war dieser Gedanke: Bei Künstlern manifestieren sie sich in Form ihrer Werke, bei Verrückten in Form von Wahnvorstellungen. Allzuoft waren Künstler verrückt. Was taten die grauen Schemen in den Köpfen anderer Menschen? Schliefen sie? Liefen sie in Maske herum? Oder mieden sie solche Köpfe ganz einfach?

Wenn es Dashiell oft schien, als ob sich etwas – sein Verhängnis – durch die blasse Haut des Tages hindurch abzeichnete, wie konnte es der Mehrheit der Erdbevölkerung denn nicht einmal auffallen? Oder war da willkürliche Ignoranz am Werk?

Es ist doch so, sagte Dashiell zu sich, dass die Nacht den Tag nur wie einen Mantel anlegt. So blau der Himmel auch scheint, in Wahrheit ist er doch schwarz.

Das Schreiben war immer nur Näherung, immer ein blindes Stechen in einen Nebel hinein, der aus kaum etwas bestand, das er hätte treffen können. Aber da war doch etwas darin und mit jedem Federstrich und Tastendruck suchte er weiter danach.

Im Unterschied zu Kassandra wusste Dashiell nicht, was es war, sein Verhängnis. Es gab einiges zur Auswahl: Die Klimaveränderung bedrohte die menschliche Existenz, sowie die der meisten auf der Erde lebenden Arten. Ein alles vernichtender nuklearer Krieg oder Supergau eines Kernkraftwerks oder der Ausbruch eines verheerenden Virus‘ waren realistische Möglichkeiten, und Dashiells Herz hoffte auf ganz menschliche Weise auf einen Knall, anstatt eines Winselns, wenn es um das Ende der Welt ging, doch glaubte nicht daran. Er glaubte an sich langsam anschleichende Veränderung, daran, dass wie nach einem Blitz, den man als Blinder noch übersehen konnte, der Donner erst mit Verzögerung eintreten würde. Aller Wahrscheinlichkeit nach, so meinte er, war das Verhängnis längst eingetreten und ließ sich, selbst von der Mehrheit der Menschen, die in westlichen Industrienationen lebten, immer weniger ignorieren. Depression war in der Ersten und der Zweiten Welt längst eine Volkskrankheit und in der Dritten und Vierten waren die Menschen zu sehr mit dem Kampf um nacktes Überleben beschäftigt, um als Gegenbeweis für dieses Indiz gelten zu können. Ja, dachte Dashiell, es ist längst geschehen. Aber was war geschehen? Seine tastenden Versuche, die Wahrheit aus dem ihn umgebenden Nebel zu schlagen, führten nur immer wieder zu Klischees: Die Invasion aus dem All. Ein Gammablitz hatte die Erde getroffen. Das Universum hatte ein Loch und atmete sich selbst aus wie ein geplatzter Luftballon. Dashiell musste unwillkürlich über sich selbst lachen. Die Wahrheit war sicher nicht die eines Comicbooks oder Hollywoodfilms.

Ein anderer Verdacht, dem Dashiell auf jedem Kontrollgang durch seine Gedanken begegnete, war dieser: Das Verhängnis mochte allein sein eigenes sein, nicht das der Welt, der Menschheit, des Universums, sondern seine ganz persönliche Nemesis. Eine schwere, vielleicht tödliche Krankheit, ein verheerender Unfall, ein endgültiger Sturz in den Wahnsinn. Aber Dashiell glaubte nicht, dass es so einfach war.

An manchen Abenden, wenn es ihm gelang, die innere Schwere zu überwinden, ging er auf ein Feld, nicht weit von seiner Wohnung entfernt. Es lag etwas höher als die Stadt und war an drei Seiten von Wald eingerahmt, der Dashiell wie die Schlachtreihen eines Erzfeindes aller Zivilisation erschien. Immer wünschte er sich, zu jener anderen Seite überlaufen zu können, doch er wusste, er war dafür verloren, selbst zu sehr zivilisiert, um sich befreien zu können, ein Verlorener.

Dort auf dem Feld beobachtete Dashiell den Terminator, wie er in der Dämmerung über den Himmel zog. Eine weitere Grenze. Im Zwielicht konnte Dashiell beinahe glauben, er habe die Fähigkeit, durch die Dinge zu schauen. Der Rote Staub der Zehntausend Dinge, wie fernöstliche Philosophie es bezeichnete, die Maya, der bloße Schein, das Unwahre, Nichteigentliche, das die Wahrheit verhüllte, schien ihm in der Dämmerung immer an Kraft zu verlieren.

An so einem Abend unter dem Terminator stand Dashiell verloren, todeinsam und wie alte Farbe abblätternd im Wind, der durch ihn hindurch zu wehen schien, als sei er ein Baugerüst um einen Turm aus Zweifel und Furcht.

Er fühlte in seiner Jackentasche nach etwas, woran er sich halten könnte. Die Schlüssel zu seiner Wohnung. Die Finger fest darum schließend, bemerkte Dashiell einen Schemen, der aus Richtung des Waldrands auf ihn zu kam. Ein Mann in einem dunklen Mantel, dessen Kragen hochgeschlagen, das Kurze Haar, der lange Schritt. Das Glimmen einer Zigarette vor dem Gesicht.

Dashiell spürte den Drang, der Begegnung aus dem Weg zu gehen, seinen eigenen Schritt nach Hause zu lenken oder querfeldein. Es wäre eine Flucht vor sozialer Bedrängnis, wie Dashiell sie an jedem Tag in seinem Leben zu meiden versuchte. Andererseits mochte er keinen Fremden in seinem Rücken wissen und das Feld stand hoch und er mochte ebenso wenig mitten darauf wie ertappt beobachtet oder sogar angesprochen werden. Etwas Mut zusammennehmend ging er stattdessen dem Fremden entgegen. Ein Kreuzen der Wege brachte man am besten schnell hinter sich. Als sich der Abstand verringerte, der Schemen immer mehr Mensch wurde und die Zigarettenglut das Gesicht fast erkennen ließ, senkte Dashiell den Blick zu Boden. Er hörte jetzt den Schritt des anderen in versetztem Takt zu seinem eigenen. Das Streifen der Sohlen durch Gras. Zuletzt entschieden seine Augen selbst, einen Blick zu werfen. Die Augen des anderen waren auf ihn gerichtet. In Dashiells Kehle regte sich ein Guten Abend, wie man es hier, anders als unten in der Stadt, einem Fremden zu brummte. Es kam nicht recht heraus und Dashiells Gegenüber sagte kein Wort. Der Mantel stand dem Mann offen und unter dem Revers erkannte Dashiell den Kolben eines Gewehrs. Keine Flinte, keine Waffe eines Jägers. Eher schon ein Sturmgewehr, oder war es etwas ganz anderes? Eine Täuschung im nun siegenden Dunkel der späten Dämmerung.

Dashiells Herz klopfte schnell und hart. Einmal kam sein Gang aus dem Takt. Er drehte sich ohne es zu wollen nach dem Mann um, mit dem Gefühl im Rücken, die Mündung der Waffe auf sich gerichtet zu finden. Der Fremde ging jedoch nur weiter. Dashiell wollte nach einem Graben suchen, in den er sich werfen konnte.

Hin und her gerissen zwischen den beiden Richtungen, schaute er zum Wald, dann zur Stadt. Wieder zum Wald hin. Über den Bäumen loderte eine Farbe im Nachtdunkel. Es war ein Grün, wie von Elmsfeuer. Wieder zur Stadt. Über dem Terminator schossen blauweiße Strahlen durch den Himmel. Dann sah Dashiell weitere Schemen auf dem Feld, eine Reihe Männer mit Gewehren, die über das gesamte Feld auf die Stadt zu hielt.

Der Schlüssel in seiner Hand fühlte sich heiß an, so als stünde er mit dem Schloss in Verbindung, das kurz davor stand, in Feuer zu verglühen. Dashiell erstarrte. Das Bild wirkte tief in ihn hinein. Ein Schiff schwebte über der Stadt, dem die blauweißen Strahlen entsprangen. Auch dort oben gab es Schemen, schwach erkennbare Flecken, die ebenfalls in einer Linie aufgereiht waren. Das blauweiße Licht verzweigte sich durch den Himmel, spann ein Netz. Zu den Blitzen fehlte der Donner, doch Dashiell glaubte, ihn, wenn nicht hören, dann doch spüren zu können, als ein Beben der Erde, der Luft seines Atems, seines Sichtfelds, des Nachthimmels, der fernen Dächer, der Mäntel der Schemen am Boden auf dem Feld, der Läufe ihrer Gewehre. Letztlich seines eigenen Körpers, der von Adrenalin durchflutet zu schäumen begonnen hatte.

Jede Zelle seines Körpers war auf Alarm umgestellt. Er wandte sich um und lief zum Waldrand, so schnell er es im Dunkeln wagte. Lass mich ein, bat er ohne Stimme, nimm mich auf, verberge mich.

Erst als er den Waldrand erreichte, kam ihm der Gedanke, dass die Schemen von dort gekommen waren, und das nicht dafür sprach, sich dort sicherer zu fühlen. Die Bäume ragten hoch vor ihm auf, still zwar, doch irgendwie so, als könnten sie im nächsten Moment selbst losmarschieren. Die schweigende Nachhut einer Armee, die keine Hoheitszeichen trug. Als er noch einmal zurückschaute, sah er die Männer nun selbst rote Strahlen ihrer Waffen in den Himmel schießen. Sie und jene dort oben standen demnach auf verschiedenen Seiten in einem Konflikt, den Dashiell nicht durchschaute.

Nur mit dem Schlüssel in seiner Hand bewaffnet, entschied er kurzerhand, es mit dem Heer der Bäume zu versuchen. Er gelangte durch ihre vorderste Reihe, befand sich auf Waldboden, stapfte beinahe blindlings weiter, denn hier war es sehr viel dunkler noch als auf dem Feld. Jeder Schritt lärmte in der Stille. Wieder kämpfte Dashiell mit dem Drang, zu erstarren oder sich in eine Mulde zu werfen, alles Kommende vorbeigehen zu lassen, ohne einen weiteren Schritt zu tun. Was schließlich konnte er tun, außer stehenzubleiben oder ohne Ziel weiterzugehen?

Sich zu weiteren Schritten überwindend, um Abstand zu den hinter ihm ihren Lauf nehmenden Kämpfen zu gewinnen, ließ er den Waldrand so weit hinter sich, dass der Wald ihn ganz verschlang. Kein Ende davon war zu sehen, weder mehr hinter ihm, noch voraus. Und obwohl er bereits in dem Wald spazieren gegangen war, ein Wenig, dann und wann, und einiges von ihm zu kennen geglaubt hatte, dauerte es kurze Zeit, bis er sich vollständig in ihm verlor.

2. Black Yard

Die Reihe marschierte bis an den Rand des nächtlichen Felds vor. Der Blick auf die Stadt ließ Dashiells Atem stocken, doch nur für einen kurzen Augenblick. Dann hoben alle ihre Gewehre, richteten sie auf die Schemen am blauweiß durchwirkten Nachthimmel, ohne Kommando, ganz aus innerem Timing, und schossen rote Strahlen hinauf. Das Schiff, wie ein schwarzer schwebender Sarg von der Größe eines Stadtteils, war außerhalb ihrer Reichweite und ohnehin abgeschirmt, doch die Black Yards schwebten weit darunter. Einzelne Schemen fingen die Strahlen auf und fingen wie Glühlampen zu leuchten an, bis ihre eigene Abschirmung, weitaus schwächer als die des Schiffs, kollabierte und die Kämpfer wie Käfer zerplatzten. Die Überraschungssalve holte elf von ihnen herunter, als glühende Scherben, die im Fall abkühlten und als schwarze Splitter dort einschlugen, wo sie die Zufallsverteilung hinstreute. Dächer wurden getroffen, Straßenpflaster, Fahrzeuge, vielleicht lebende Bewohner der Stadt.

Die Reaktion auf den Angriff folgte Sekunden darauf. Die Black Yards formierten sich neu, richteten ihre blauweißen Strahlen auf den Rand des Felds. Farben kreuzten einander, Treffer rissen Lücken in den Himmel und in das Feld. Das Schiff konzentrierte währenddessen weiter alles Geschützfeuer auf das Stadtzentrum.

Alles geschah in gespenstischer Stille. Geräusche wurden mit Verzögerung herangetragen, erreichten Dashiells Gehör geschwächt und gedämpft.

Die Black Yards teilten sich auf. Das Gros schwärmte weiter über die Stadt aus, während eine Abteilung sich näherte. Getroffen flammten einzelne auf und stürzten herab. Da die Schützenreihe auf dem Feld sich weiter in Richtung Stadt bewegte, kam Dashiell bald an rauchenden Bruchstücken vorbei. Sie bestanden wie die Hitzeschilde uralter Spaceshuttle aus Keramik, waren zersprungene Puppen und im Innern allein von Leere erfüllt gewesen. Es gab kein Fleisch, kein Blut und kein Plasma, auch keine Rückstände potentiell bewusstseins- und empfindungsbegabter Gase oder Flüssigkeiten, keine Schaltkreise auf Platinen, keine Chips, die Dashiell als solche erkannt haben würde. Sie sind hohl, dachte er bei sich, wie diese ganze Geschichte.

So hohl wie der Angriff aus der Luft, der nur der Form diente, soweit man wissen konnte. Der Black Yard diente der Form, ob als Eroberer oder als Befreier, Ordnungsmacht oder Macht des Chaos. In erster Linie dienen sie uns als Ziel unseres Widerstands.

Und damit schloss Dashiell seinen Gedankenraum, warf sich ganz hinein in die eigene Form, den Widerstand gegen den Black Yard.

Erst als sie den Stadtrand erreichten, wurde offensichtlich, wie tief der Feind bereits in die Struktur eingedrungen war. Von seinen Strahlen getroffene Oberflächen waren transformiert. Die porzellanartige Beschaffenheit von Straßenbelag, Mauern, herabgestürzter Teile von Dächern, der ausgebrannten Körper von Menschen, hob Dashiell den Magen. Mit nur etwas weniger Selbstbeherrschung würde er sich übergeben und geschrien haben. Stattdessen würgte er den Abzug seines Gewehrs, stieß rote Lanzen in die Luft und die Straße hinunter.

Die Reihe musste sich aufteilen, Straße für Straße Gruppen bilden. Sie waren zu fünft, als sie weiter vorrückten, fünf Augenpaare, die die Metamorphose bezeugten. Fünf, denen die Augen davon übergingen. Trotz der Veränderung kam Dashiell die Stadt bekannt vor. Sie war wie seine eigene und er meinte, jeden voraus liegenden Straßenzug zu kennen. Er setzte sich an die Spitze des Trupps, führte die anderen hinein.

Zwei Black Yards schwenkten über ihnen in den Straßenverlauf ein. Dashiell gab den anderen Zeichen, sich an die Fassade zu halten, zog selbst Feuer auf sich und schoss ungezielt, während er lief. Vier Strahlen trafen den ersten Black Yard und er ging als Regen aus Funken und Splittern nieder. Der zweite rotierte, lenkte sein Feuer auf die vier Kämpfer in seinem Rücken und Dashiell, der Deckung hinter einem Wagen genommen hatte, holte ihn mit einem Kopfschuss herunter.

Das Schiff stand als ein massiver Schild zwischen ihnen und dem Nachthimmel. Ein metallenes Auge. Die Form beherrschte augenscheinlich den Kosmos. Doch unter dem Deckmantel der Stadt gelangten sie weiter in Richtung Zentrum. Bald erkannte Dashiell die Unterschiede. Die Stadt war seiner eigenen zum Verwechseln ähnlich, nur die Anordnung der Dinge und Orte war nicht ganz dieselbe. Menschen standen als Statuen herum, waren zu Porzellan erstarrt. Ihre Augen glänzten allein äußerlich. Auf diese Weise dienten auch sie der Form.

Es war nicht Dashiells Stadt. Entweder war sie es einmal gewesen und nur verändert, oder niemals die seine gewesen. Sie würde sich, so oder so, noch einmal von Grund auf verändern, sobald der Black Yard seine Monster auf sie losließ.

3. Die Hochzeit der Steine

Dashiell stapfte durch den nachtschwarzen Wald und verlor sich bald darin. Das Ich, dachte er, ist ein schwacher Ausgangspunkt. Solange man nach außen schaut, hält er, doch wenn es außen so dunkel ist, lenkt man den Blick schnell nach innen und merkt, dass das Ich gar nicht da ist. Es zerbricht.

Obwohl es so finster war, bemerkte Dashiell schließlich, dass der Wald seit langem tot sein musste. Wie das Ich bestand er aus geborstener Form. Die Bäume bestanden aus Porzellan, das unter Witterung oder Beschuss stark gelitten hatte. Das Verhängnis war bereits eingetreten. Es war hier gewesen, vor ihm, und hatte dem grünen Leben und allem in der Erde ein Ende gemacht, in dem es Stein werden ließ.

(vorzeitiges Ende)

Neuerscheinungen

meine Stories

„Der unbekannte Planet“ in Nova 25

„Der Nachtfalter“ in Visionarium präsentiert: Arglist

„Machina Obscura“ sowie die „Das unverlangte Manuskript“ (zusammen mit Michael Perkampus) in Miskatonic Avenue

Universum 2

das Problem mit Wegen ist, sie führen wohin. Ihr Ziel ist niemals wirklich unbekannt und ab von Wegen stößt man doch wieder auf sie. So ist alles in Ursprünge und Ziele aufgeteilt, in ein Gerüst gesetzt, gebannt.
Wie wäre es, wenn Straßen nirgendwohin führten, wenn alle Wege nur Einladungen zur Ziellosigkeit darstellten, wenn jedes „auf dem richtigen Weg“ unbedeutend und die Vorstelllung, an einen bestimmten Ort unterwegs zu sein überhaupt, Trugbild, Chimäre wäre, das Dorthin ein Fantasma und das Woher ein immer offenes Rätsel, ein Mysterium, ein Gespenst?
Wären Wege so, wozu wären sie dann, wenn nicht nur dazu, der Allmacht der Desorientierung ein Gesicht zu verleihen, ein Symbol und Sinnbild für die Weglosigkeit im kosmischen Einerlei, kurz: dem Universum?
In Wahrheit entsteht doch jeder Pfad aus Rauschen und geht wieder in Rauschen hinein.

Universum 1

ganz anders als an jenem anderen Ende der Zeit, da wo du wie von einem Erdrutsch von ihr entlang deiner Jugend fortgeschleift wurdest, bleibst du jetzt wie zu schwer geratenes Treibgut am Grund ihres Stroms liegen und horchst.
Aus der Zeit zu treten, sollte ein Willensakt sein, und geschieht doch unabsichtlich – nicht zufällig, sondern vorherbestimmt, aber doch unvorhersehbar. Man lebt länger als man sollte. Die Zeit hängt einen ab und gibt Gas, braust davon.
Und dann? Setzt die Schwingung ein und breitet sich in der Leere aus. Die Frequenz einer ganz anderen Existenz, einer Gestalt im Raum, mit der man über Lichtjahre hinweg seltsam verbunden ist.
Dann schlägt das Herz eines Planeten in dir. Aber nicht das Herz des Planeten, auf dem du lebst. Es ist das Herz eines Himmelskörpers in unwahrscheinlich weiter Ferne, der nun mehr Wirklichkeit annimmt, als dein gesamtes bisheriges Leben. Dunkel – tiefblau – schwebt es im All, sendet seine Stimme über den Riss im Raum hinweg zu dir.
Spricht.

Mein dreckiges Kultgedicht in Dirty Cult

Hier ist mein Gedicht „Dirty Cult“ miterschienen

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Abscheuliches erwartet den Leser: Okkulte Riten, blutiger Vatermord, bösartige Clowns, vermummte Gestalten aus dem Dunkeln, Nachtmahre: der ganze Abgrund der menschlichen – und oft genug unmenschlichen – Monstrositäten, erzählt von einer verschworenen Gruppe von Horrorautoren und -künstlern. Die Sammlung dieser Kultisten ist dabei alles andere als zufällig, denn jeder Text und jedes Bild basiert auf der Inspiration, die beim Anblick des Gemäldes Dirty Cult aus dem Atelier des Künstlers Daniel Bechthold heraufbeschworen wurde. Jedes Werk ist ein Kleinod des Horrors, eigens für diese Sammlung geschaffen. 15 Kurzgeschichten, vier Gedichte und 20 Illustrationen, die Sie garantiert in den Moloch des Wahnsinns führen.

Herausgegeben von Ulf R. Berlin

erschienen bei Whitetrain, 2017

Das Buch bei Amazon

Meine Story in Parasitengeflüster

Hier ist meine SF-Story „Der Sektor“ erschienen

sw04cover500Marianne Labisch & Sven Klöpping (Hrsg.)
PARASITENGEFLÜSTER
Fiese SF-Storys
sternwerk 4
p.machinery, Murnau, Oktober 2017, 274 Seiten, Paperback
ISBN 978 3 95765 109 9 – EUR 11,90 (DE)
E-Book: ISBN 978 3 7438 3700 3 – EUR 5,99 (DE)

Jeder weiß, was ein Parasit ist. Wir hassen es, von Stechmücken gequält zu werden und finden Blutegel oder Bandwürmer ekelig. Was wäre, wenn die Natur vorgesehen hat, dass diese elenden Schmarotzer mit uns kommunizieren? Und wie würden wir reagieren?
Genau diesen Fragen gehen die Autoren dieses Buches nach.
Hier liest man von Parasiten im All, im Wasser, in den GPS-Daten … wobei nicht alle sichtbar sind. Eine Stimme haben sie allerdings alle.
Mal ist diese Stimme einschmeichelnd und behauptet, die Invasion diene nur dem Schutz des Wirtes, ein anderes Mal droht sie und dann wieder erteilt sie Befehle.
Es sind spannende, humorvolle, überraschende Geschichten dabei. Eins ist auf jeden Fall gewiss: Langeweile kommt keine auf.

Der Verlag

Das Buch bei Amazon

Das Wagnis White Train

There is an infinite rail,
spanning all of the universe.
The Train is on the track
and the track is made of tale.

so says Dylan’s Song of the Manifold

Der Whitetrain-Verlag entstand 2010 aus einem Kollektiv von Autoren und Illustratoren und fühlt sich in allen Bereichen der fantastischen Literatur daheim. Er unternimmt darüber hinaus auch regelmäßige Streifzüge durch die Philosophie. Neben der Herausgabe des IF Magazin für angewandte Fantastik, sowie von Romanen und Erzählbänden, organisiert WT regelmäßig öffentliche Lesungen mit einem Hang zur szenischen Darstellung.

Warum wir tun was wir tun

Was tun wir?

  1. WT zelebriert Radikalen Fiktionalismus, denn außer Fiktion existiert nichts. Wir lieben das Wort, wir lieben Geschichten. Wir sind Fiktionauten.
  2. Wir lehnen die Herrschaft von Ideologien über unsere Kunst ab, denn wir sind buchstäbliche Anarchisten.
  3. Wir veröffentlichen unsere eigenen Werke der Fiktion und Illustration neben denen anderer Künstler und Schriftsteller, denn wir arbeiten in der Randzone und in unserer ersten Sprache, der deutschen, gibt es wenige Verlage, die wie wir randwärts blicken.
  4. Obwohl sich unsere Arbeit als Herausgeber auf Werke der deutschen Sprache konzentriert, veröffentlichen wir auch Artikel, Interviews und mehr in Englisch, denn wir haben diese Grenze bereits vor langer Zeit überwunden.
  5. Wir machen Werbung und das meistens umsonst. Ja, wir bewerben Bücher und Verlage, Kunst und Künstler, sowie Projekte, die wir für verbreitenswert halten – unabhängige und solche Unternehmungen die aus der Backlist veröffentlichen, also Bücher, die es lange nicht in Neuauflage gegeben hat, und so weiter, denn es gibt dort draußen andere, die wie wir sind und die wir gerne unterstützen und schließlich weil wir der Meinung sind, dass viele der besten Bücher bereits geschrieben wurden und nicht vergessen werden sollten.
  6. Wir geben das IF Magazin für angewandte Fantastik heraus. IF ist ein seltsames Pulp-Ding, das seine Feder – die auch ein Speer ist – in jede Thematik fantastischer Genres stößt, es unterwandert alle Klischees und zielt auf den großen Preis der Relevanz, nicht der Trivialität.

Angewandt ist Fantastik hauptsächlich in Stories und Illustrationen, aber auch in jeder Form von Imagination, die dem noch Formlosen Gestalt verleiht. Denn Fantastik ist eine Tugend des reinen Geistes. Deshalb ist das IF Magazin offen für so gut wie jede Art von Text oder graphischen Inhalts, die sich mit dem zuvor Unformulierten befasst, seien es soziale Utopien, Architektur, Musik, Metaphysik oder auch der zivile Ungehorsam.

  1. Wir haben uns den Weißen Zug als Sinnbild erwählt, denn … nun, dafür gibt es keine kurze Erklärung.

Es ist wahr, dass es einmal einen White Train gab, den man auch den Armageddon Train nannte, denn er transportierte Atomwaffen durch die Vereinigten Staaten Amerikas. Ebenso wahr ist, dass Lucius Shepard einst ein Gedicht mit dem Titel White Trains schrieb, das unser Kommen vorankündigte, ohne dass wir überhaupt davon wussten.

Auch ist wahr, dass Black Trains in Werken von Grant Morrison, Neil Gaiman und anderer erwähnt wurden. All diese beförderten ihre Passagiere in Konzentrationslager und wurden von bösen Regierungsinstitutionen unterhalten. Dies mag wie eine Version des Black Helicopter-Mythos erscheinen, der über Jahrzehnte von amerikanischen Paramilitärs am Leben gehalten wurde, bis er zuletzt – und höchst seltsamerweise – Wirklichkeit wurde. Überdies ist es wahr, Woodie Guthrie schrieb einmal einen Song mit dem Namen Little Black Train schrieb und schwarze Züge dienten oft als Symbol für den Tod, darum haben wir den WT als ein Symbol für das Leben und die Freiheit der Kunst gewählt.

WT ist eine Untergrundbahn, die durch die Löcher ihres eigenen Schienennetzes feuernder Synapsen schlüpft und somit das Unbekannte in ganz unvorhergesehener Weise durchdringt. WT befördert seine Passagiere nach Utopia, doch aufgepasst: Er tut das egal ob ihr Topia ein gutes ist oder nicht, denn schließlich ist Wahrheit ein mannigfaltiges Ding.

  1. Wir haben ein Manifest in Form einer Geschichte verfasst, denn der Modus der Fiktion ist der einzige, der den WT Wirklichkeit werden lässt. (LINK: http://whitetrain.de/pdf/wt.pdf)
  1. Wir stellen uns selbst als dem Schein nach mythische Gestalten dar, denn Mythos ist alles worum es hier geht und wir lieben das Leben in einem Traum.
  1. Wir glauben, der WT steht allen offen, die an Bord kommen wollen, denn die es bisher taten haben ihn einhellig als ein liebenswertes Wesen beschrieben. Wenn Ihr also von der Bahnsteigkannte herübertreten mögt – oder müsst –, so könnt Ihr das jederzeit tun. Ob Ihr nun wünscht, dass Euer Werk durch uns veröffentlicht werde, oder Ihr in unsere Fiktionen eintauchen wollt, benutzt einfach eine der Luken, die wir im Spinnennetz offenhalten:  www.whitetrain.de / WhiteTrain auf Facebook / darüber hinaus sind unsere Bücher und Magazine ganz einfach über amazon.de zu beziehen.

 

Nachdem nun alles gesagt ist, macht’s gut.

Der Maschinist

Dieser Beitrag wurde zuerst in englischer Fassung dem Blog des Schriftstellers Alistair Rennie veröffentlicht. ( http://alistairrennie.com/the-whitetrain-endeavour/ )

BuCon 2017 – rein subjektiv

Im dritten Jahr jetzt stehe ich mit meinem Whitetrain-Verlag auf der BuCon in Dreieich-Sprendlingen. An meiner Seite der Künstler Ulf Berlin, vor uns der Verlagsstand mit Ausgaben meiner eigenen Bücher und des IF Magazin. Jenseits unseres Tischs flanieren die Gäste.

So ein Tag beginnt früh mit dem Beladen des Autos, der Fahrt zur Con und dem Aufbau des Stands vor 10 Uhr. Erste Hände werden geschüttelt, Lächeln getauscht, man kennt sich oder könnte sich an diesem Tag kennenlernen. Da ich auch auf der Marburg Con Aussteller bin, habe ich viele der Anwesenden erst vor ein paar Monaten zuletzt gesehen, in der Zwischenzeit scheint einerseits wenig geschehen zu sein, die Menschen sind dieselben, andererseits liegen schon wieder neue Bücher auf den Tischen, sind neue Projekte in Planung. Das Bürgerhaus, in dem diese Con stattfindet, brummt schon und summt wie ein Bienenstock.

Die Veranstalter sind geschäftig unterwegs, zwei antiquarische Stände lassen sich kurz nach Neuzugängen überfliegen, Erik Schreiber (Saphir im Stahl) – Resident – verkauft Klassiker für einen Euro („Kane: Kreuzzug des Bösen“, von Karl Wagner geht in meinen Besitz über).

Das kleine Ouevre des Whitetrain liegt bereit, unser Glanzstück IF #666, die Horrorausgabe, thront auf einem Ehrenplatz.

Michael Buttler, der in der Ausgabe die Eröffnungsstory stellt, ist mir schon begegnet, aber vor ihm kommt Markus Korb an den Stand. Wir unterhalten uns, unser Standnachbar schießt ein schnelles Foto von uns beiden.

Dann steht Eric Hantsch vor mir und wir tauchen in die Materien der Weird Fiction, des Magazin-Geschäfts und textarchäologischer Funde ein.

Aus der Thermoskanne wird Kaffee eingeschenkt, getrunken, dazu Kuchen gegessen, dabei werden Gäste sondiert, man wird selbst sondiert, viele schlendern vorbei, ein paar bleiben stehen, manche schauen genauer und schließlich wird das erste Buch verkauft.

Bei einer Kippe vor der Tür sieht man Leute am Eingang Schlange stehen.

Diese Con ist nicht so sehr ein Szenetreff, sondern mehr ein Treffen verschiedener Szenen, die sich unter dem Oberbegriff Phantastik zusammenfassen lassen. Man zieht hier unterschiedliche Register. Die einen mit jenen, die anderen mit denen, man überkreuzt sich und fängt Gesprächsfetzen auf. Hier geht es um Urban Fantasy, da um bloß-keine-Elfen, dort um die und die Lesung und die Qualität der Bratwurst. Im Gegensatz zur Marburg Con, die durch den Vincent-Preis den Horror herausstreicht, ist die BuCon sehr in Richtung Fantasy und, mit Abstrichen, aber durch den Science Fiction-Treff Darmstadt traditionell, in Richtung SF orientiert.

Da dieses Jahr weder Zwielicht, noch Goblin-Press/Edition CL mit Ständen vertreten sind, fehlt mir an der Bandbreite der Händler etwas am Horror. Immerhin, Amrun, Blitz und Thorsten Low halten die Fahne mit einigen Büchern hoch, und wir selbst natürlich, wobei wir uns ja nicht speziell darauf festlegen. Weirdness allerdings vermisse ich doch – und Magazine. Die Leute von Exodus, die letztes Jahr einen Stand hatten, sind diesmal nur als Gäste da. phantastisch! allerdings ist auf dem Atlantis-Stand mit vertreten und Weirdness, nun ja, das sind dann wir selbst.

Als „Big-Shots“ unter den Verlagen wäre wohl Feder und Schwert zu nennen, größer wird es auf der BuCon nicht. Wer echte Größen sucht, kann das unweit stattfindende Buchmesse-Megaevent besuchen. Der Vorteil dieser räumlichen Nähe: Autoren und Besucher, die einen Abstecher von dort nach hier unternehmen. Kai Meyer fällt mir als wahrscheinlich prominentester Besucher der Con auf. So mischt sich auch das Hobby-Volk (nein, nicht das Hobbit-Volk!) mit Professionellen.

Schön ist, nach drei Jahren Präsenz selbst von Autoren, Illustratoren und Verlegern angesprochen zu werden. Für die nahe Zukunft ergeben sich daraus vielversprechende Zusammenarbeiten.

Besonders freut mich ein längeres Gespräch mit Jörg Kleudgen, das mein eigenes Schreiben betrifft, und eines mit Gerd Rottenecker, alias Tim Stratmann, dem Übersetzer von Steven Eriksons „Das Spiel der Götter“. Hier kann ich mich mit einem erfahrenen Genre-Mann über die bedeutendste Fantasy-Reihe aller Zeiten unterhalten und dabei einen wirklich angenehmen Menschen kennenlernen. First in – Last out ist unser Schlagwort des Tages.

Und ja, am Ende des Tages darf ich die Ankunft Herbert W. Frankes miterleben, doch zum Besuch seines Auftritts, wie von Lesungen, Talk-Runden oder sonstiger Panels im Programm komme ich als Händler nicht. Das ist eine Seite der Con, von der jemand anderes berichten müsste.

 

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Das Foto wurde freundlich zur Verfügung gestellt von Markus Lawo (Ich habe überhaupt nicht mitbekommen, dass Jörg Kleudgen, etwas angeschnitten auch Uwe Sommerlad und ich da mitgeschossen wurden – links unten im Banner – oder was der Grund dieser Gruppenzusammenstellung war, aber oben rechts sieht man Roger Murmann, Con-Orga und Mitinitiator, darunter Eric Hantsch – Edition CL – links daneben hockend Markus Korb und natürlich viele andere illustre Personen)

Futur 3

Nachdem der Science Fiction viel Schwarzmalerei vorgeworfen wurde und sich in den letzten Jahren die Stimmen häufen, die von ihr fordern, eine positive Zukunft zu entwerfen, hier ein kleines Blinzeln:
Ein Teil der neueren Science Fiction besticht mich mit einem Detail, dass nämlich die Zukunft als eine Zeit möglicher Selbstbestimmung zu denken sein kann. William Gibsons Cyberpunk-Klassiker „Neuromancer“, Neal Stephensons Cyberpunk-Romane, auch die große Bandbreite retrofuturistischen Steampunks leben von dem in die eigene Hand Nehmen der Dinge durch die Protagonisten. Diese in den Achtzigern neuromantische Strömung und ihre Ausläufer haben nicht nur Grenzen des Vorstellbaren gesprengt, sondern Vorstellbares auf den Kopf gestellt. Vielleicht ist uns gar nicht so recht aufgefallen, was sich dadurch geändert hat.
In „Roter Stern – Winterorbit“ von Gibson und Bruce Sterling fliegen Menschen mit umgerüsteten Wetterballons bis in die obersten Schichten der Atmosphäre hinauf und kapern eine alte aufgegebene russische Raumstation. Gerade als es so aussieht, als ob Raumfahrt den großen Tod der Zivilisation mitstürbe, ist es der Erfindungsgeist Einzelner, die Nichtaufgabe ganz gewöhnlicher Menschen, die Hoffnung auf die Zukunft erhält.
Die „Neuromancer“-Trilogie ist voll solcher Figuren, die mit geringsten Mitteln großartige Dinge erreichen. Ebenso die späteren Romane Gibsons, seine Gegenwarts-Science-Fiction, die eben jenes Verständnis des Machbaren in unser Hier und Jetzt verortet.
Neal Stephensons Werk ist durchgängig von solchen Selfmade-Figuren geprägt, die keinen Staat und keinen Konzern benötigen, um große Projekte umzusetzen. Auch sein „Amalthea“ erlaubt die Rettung der Menschheit angesichts möglicher Auslöschung durch Meteoreinschlag nur durch gemeinsames Handeln, durch die Raffinesse und die Unbeugsamkeit von Experten und Autoritäten auf exotischen Wissenszweigen.
Im Steampunk, sowohl in seinem literarischen Zweig, als auch auf seiner Lifestyle- und Mode-Flanke, ist es das Werkeln mit selbstangeeignetem Wissen und Sachverstand, das alle dampfgetriebenen, hydraulischen und Uhrwerk-Wunder möglich macht.
Vernor Vinges Roman „Friedenskrieg“ zeigt uns eine Welt jenseits eines technologischen Abstiegs, in der sogenannte Bastler (engl. Tinker) als einzige den Gedanken an Fortschritt im Herzen tragen und unerschrocken gegen die herrschenden Mächte des Rückschritts vorgehen.
In Gradisil von Adam Roberts ist es ein Hobby-Aeronaut, der seine Familie in den Erdorbit bringt.
Gerade in dem die Wirklichkeit sich darstellt, als ob alles Großartige, aller Fortschritt, alles Überleben und Vorankommen der menschlichen Spezies von ihrer Zusammenrottung unter nationalen Bannern und Firmenherrschaften, dem Kapital, um es auf den gemeinsamen Nenner zu bringen, abhängig wäre, entlarvt sie sich als ungenügend, als ängstlich und angstbesessene Kleintuerei.
Wenn es eine Zeit gab, in der dieser Mythos Wahrheit gewesen ist, so ist sie nun endlich vorüber. Mit dem Aufkommen der PCs in den Achtziger Jahren, dem des Internet und der Fülle neuer Kommunikationsmittel in den Neunzigern, der Möglichkeit der Kapitalbesorgung mittels Crowdfunding, dem Cluster-Computing, bzw. dem Crowdworking, den immer ausgefeilteren Methoden des 3-D-Drucks und allem, was unsere heutige Welt dem Einzelnen oder kleinen Gruppen von Spezialisten an die Hand gibt, um Wirklichkeit zu gestalten, ist eine Veränderung der Gesellschaft ohne staatliche Lenkung und ohne die Aufsicht durch Aufsichtsräte längst Möglichkeit geworden: Direkte Demokratie erlebt eine neue Phase realistischer Denkbarkeit, Kunst kann mittels Software die große Hürde der Finanzierung überwinden, Selfpublishing erlebt gerade eine herausragende Blütezeit. Gedanken werden endlich geteilt, ohne an sprachlichen, nationalen oder geographischen Grenzen stehenzubleiben. Open-Source-Programmierung zeigt uns die Weiten des im Kollektiv Machbaren auf.
Darin besteht nun der Sense of Wonder unserer Zeit. Nicht nur in dem, was mittels Hochtechnologie und modernster Wissenschaft erreicht werden kann, sondern in dem, was aus eigener Hand, mit wenig Kapital, durch Recycling, durch Bastelei und unerschrockenes Ausprobieren machbar geworden ist. Dazu braucht es kein Genie, keinen einzelnen Kopf, der als zentraler Unternehmer auftritt, keinen Mastermind. Es braucht dazu nur ein geteiltes Interesse und den Willen zur Zusammenarbeit, Absprache, gemeinsames Handeln. Es braucht Menschen, die sich nicht erst sagen lassen, was zu tun ist, um ihre Träume verwirklichen.
Angesichts dessen, was die Zukunft an Vernichtungspotential für uns bereithält, werden wir dieses Kleinwenig an Optimismus und positivem Denken wohl noch ganz dringend brauchen.