Mein dreckiges Kultgedicht in Dirty Cult

Hier ist mein Gedicht „Dirty Cult“ miterschienen

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Abscheuliches erwartet den Leser: Okkulte Riten, blutiger Vatermord, bösartige Clowns, vermummte Gestalten aus dem Dunkeln, Nachtmahre: der ganze Abgrund der menschlichen – und oft genug unmenschlichen – Monstrositäten, erzählt von einer verschworenen Gruppe von Horrorautoren und -künstlern. Die Sammlung dieser Kultisten ist dabei alles andere als zufällig, denn jeder Text und jedes Bild basiert auf der Inspiration, die beim Anblick des Gemäldes Dirty Cult aus dem Atelier des Künstlers Daniel Bechthold heraufbeschworen wurde. Jedes Werk ist ein Kleinod des Horrors, eigens für diese Sammlung geschaffen. 15 Kurzgeschichten, vier Gedichte und 20 Illustrationen, die Sie garantiert in den Moloch des Wahnsinns führen.

Herausgegeben von Ulf R. Berlin

erschienen bei Whitetrain, 2017

Das Buch bei Amazon

Meine Story in Parasitengeflüster

Hier ist meine SF-Story „Der Sektor“ erschienen

sw04cover500Marianne Labisch & Sven Klöpping (Hrsg.)
PARASITENGEFLÜSTER
Fiese SF-Storys
sternwerk 4
p.machinery, Murnau, Oktober 2017, 274 Seiten, Paperback
ISBN 978 3 95765 109 9 – EUR 11,90 (DE)
E-Book: ISBN 978 3 7438 3700 3 – EUR 5,99 (DE)

Jeder weiß, was ein Parasit ist. Wir hassen es, von Stechmücken gequält zu werden und finden Blutegel oder Bandwürmer ekelig. Was wäre, wenn die Natur vorgesehen hat, dass diese elenden Schmarotzer mit uns kommunizieren? Und wie würden wir reagieren?
Genau diesen Fragen gehen die Autoren dieses Buches nach.
Hier liest man von Parasiten im All, im Wasser, in den GPS-Daten … wobei nicht alle sichtbar sind. Eine Stimme haben sie allerdings alle.
Mal ist diese Stimme einschmeichelnd und behauptet, die Invasion diene nur dem Schutz des Wirtes, ein anderes Mal droht sie und dann wieder erteilt sie Befehle.
Es sind spannende, humorvolle, überraschende Geschichten dabei. Eins ist auf jeden Fall gewiss: Langeweile kommt keine auf.

Der Verlag

Das Buch bei Amazon

Das Wagnis White Train

There is an infinite rail,
spanning all of the universe.
The Train is on the track
and the track is made of tale.

so says Dylan’s Song of the Manifold

Der Whitetrain-Verlag entstand 2010 aus einem Kollektiv von Autoren und Illustratoren und fühlt sich in allen Bereichen der fantastischen Literatur daheim. Er unternimmt darüber hinaus auch regelmäßige Streifzüge durch die Philosophie. Neben der Herausgabe des IF Magazin für angewandte Fantastik, sowie von Romanen und Erzählbänden, organisiert WT regelmäßig öffentliche Lesungen mit einem Hang zur szenischen Darstellung.

Warum wir tun was wir tun

Was tun wir?

  1. WT zelebriert Radikalen Fiktionalismus, denn außer Fiktion existiert nichts. Wir lieben das Wort, wir lieben Geschichten. Wir sind Fiktionauten.
  2. Wir lehnen die Herrschaft von Ideologien über unsere Kunst ab, denn wir sind buchstäbliche Anarchisten.
  3. Wir veröffentlichen unsere eigenen Werke der Fiktion und Illustration neben denen anderer Künstler und Schriftsteller, denn wir arbeiten in der Randzone und in unserer ersten Sprache, der deutschen, gibt es wenige Verlage, die wie wir randwärts blicken.
  4. Obwohl sich unsere Arbeit als Herausgeber auf Werke der deutschen Sprache konzentriert, veröffentlichen wir auch Artikel, Interviews und mehr in Englisch, denn wir haben diese Grenze bereits vor langer Zeit überwunden.
  5. Wir machen Werbung und das meistens umsonst. Ja, wir bewerben Bücher und Verlage, Kunst und Künstler, sowie Projekte, die wir für verbreitenswert halten – unabhängige und solche Unternehmungen die aus der Backlist veröffentlichen, also Bücher, die es lange nicht in Neuauflage gegeben hat, und so weiter, denn es gibt dort draußen andere, die wie wir sind und die wir gerne unterstützen und schließlich weil wir der Meinung sind, dass viele der besten Bücher bereits geschrieben wurden und nicht vergessen werden sollten.
  6. Wir geben das IF Magazin für angewandte Fantastik heraus. IF ist ein seltsames Pulp-Ding, das seine Feder – die auch ein Speer ist – in jede Thematik fantastischer Genres stößt, es unterwandert alle Klischees und zielt auf den großen Preis der Relevanz, nicht der Trivialität.

Angewandt ist Fantastik hauptsächlich in Stories und Illustrationen, aber auch in jeder Form von Imagination, die dem noch Formlosen Gestalt verleiht. Denn Fantastik ist eine Tugend des reinen Geistes. Deshalb ist das IF Magazin offen für so gut wie jede Art von Text oder graphischen Inhalts, die sich mit dem zuvor Unformulierten befasst, seien es soziale Utopien, Architektur, Musik, Metaphysik oder auch der zivile Ungehorsam.

  1. Wir haben uns den Weißen Zug als Sinnbild erwählt, denn … nun, dafür gibt es keine kurze Erklärung.

Es ist wahr, dass es einmal einen White Train gab, den man auch den Armageddon Train nannte, denn er transportierte Atomwaffen durch die Vereinigten Staaten Amerikas. Ebenso wahr ist, dass Lucius Shepard einst ein Gedicht mit dem Titel White Trains schrieb, das unser Kommen vorankündigte, ohne dass wir überhaupt davon wussten.

Auch ist wahr, dass Black Trains in Werken von Grant Morrison, Neil Gaiman und anderer erwähnt wurden. All diese beförderten ihre Passagiere in Konzentrationslager und wurden von bösen Regierungsinstitutionen unterhalten. Dies mag wie eine Version des Black Helicopter-Mythos erscheinen, der über Jahrzehnte von amerikanischen Paramilitärs am Leben gehalten wurde, bis er zuletzt – und höchst seltsamerweise – Wirklichkeit wurde. Überdies ist es wahr, Woodie Guthrie schrieb einmal einen Song mit dem Namen Little Black Train schrieb und schwarze Züge dienten oft als Symbol für den Tod, darum haben wir den WT als ein Symbol für das Leben und die Freiheit der Kunst gewählt.

WT ist eine Untergrundbahn, die durch die Löcher ihres eigenen Schienennetzes feuernder Synapsen schlüpft und somit das Unbekannte in ganz unvorhergesehener Weise durchdringt. WT befördert seine Passagiere nach Utopia, doch aufgepasst: Er tut das egal ob ihr Topia ein gutes ist oder nicht, denn schließlich ist Wahrheit ein mannigfaltiges Ding.

  1. Wir haben ein Manifest in Form einer Geschichte verfasst, denn der Modus der Fiktion ist der einzige, der den WT Wirklichkeit werden lässt. (LINK: http://whitetrain.de/pdf/wt.pdf)
  1. Wir stellen uns selbst als dem Schein nach mythische Gestalten dar, denn Mythos ist alles worum es hier geht und wir lieben das Leben in einem Traum.
  1. Wir glauben, der WT steht allen offen, die an Bord kommen wollen, denn die es bisher taten haben ihn einhellig als ein liebenswertes Wesen beschrieben. Wenn Ihr also von der Bahnsteigkannte herübertreten mögt – oder müsst –, so könnt Ihr das jederzeit tun. Ob Ihr nun wünscht, dass Euer Werk durch uns veröffentlicht werde, oder Ihr in unsere Fiktionen eintauchen wollt, benutzt einfach eine der Luken, die wir im Spinnennetz offenhalten:  www.whitetrain.de / WhiteTrain auf Facebook / darüber hinaus sind unsere Bücher und Magazine ganz einfach über amazon.de zu beziehen.

 

Nachdem nun alles gesagt ist, macht’s gut.

Der Maschinist

Dieser Beitrag wurde zuerst in englischer Fassung dem Blog des Schriftstellers Alistair Rennie veröffentlicht. ( http://alistairrennie.com/the-whitetrain-endeavour/ )

BuCon 2017 – rein subjektiv

Im dritten Jahr jetzt stehe ich mit meinem Whitetrain-Verlag auf der BuCon in Dreieich-Sprendlingen. An meiner Seite der Künstler Ulf Berlin, vor uns der Verlagsstand mit Ausgaben meiner eigenen Bücher und des IF Magazin. Jenseits unseres Tischs flanieren die Gäste.

So ein Tag beginnt früh mit dem Beladen des Autos, der Fahrt zur Con und dem Aufbau des Stands vor 10 Uhr. Erste Hände werden geschüttelt, Lächeln getauscht, man kennt sich oder könnte sich an diesem Tag kennenlernen. Da ich auch auf der Marburg Con Aussteller bin, habe ich viele der Anwesenden erst vor ein paar Monaten zuletzt gesehen, in der Zwischenzeit scheint einerseits wenig geschehen zu sein, die Menschen sind dieselben, andererseits liegen schon wieder neue Bücher auf den Tischen, sind neue Projekte in Planung. Das Bürgerhaus, in dem diese Con stattfindet, brummt schon und summt wie ein Bienenstock.

Die Veranstalter sind geschäftig unterwegs, zwei antiquarische Stände lassen sich kurz nach Neuzugängen überfliegen, Erik Schreiber (Saphir im Stahl) – Resident – verkauft Klassiker für einen Euro („Kane: Kreuzzug des Bösen“, von Karl Wagner geht in meinen Besitz über).

Das kleine Ouevre des Whitetrain liegt bereit, unser Glanzstück IF #666, die Horrorausgabe, thront auf einem Ehrenplatz.

Michael Buttler, der in der Ausgabe die Eröffnungsstory stellt, ist mir schon begegnet, aber vor ihm kommt Markus Korb an den Stand. Wir unterhalten uns, unser Standnachbar schießt ein schnelles Foto von uns beiden.

Dann steht Eric Hantsch vor mir und wir tauchen in die Materien der Weird Fiction, des Magazin-Geschäfts und textarchäologischer Funde ein.

Aus der Thermoskanne wird Kaffee eingeschenkt, getrunken, dazu Kuchen gegessen, dabei werden Gäste sondiert, man wird selbst sondiert, viele schlendern vorbei, ein paar bleiben stehen, manche schauen genauer und schließlich wird das erste Buch verkauft.

Bei einer Kippe vor der Tür sieht man Leute am Eingang Schlange stehen.

Diese Con ist nicht so sehr ein Szenetreff, sondern mehr ein Treffen verschiedener Szenen, die sich unter dem Oberbegriff Phantastik zusammenfassen lassen. Man zieht hier unterschiedliche Register. Die einen mit jenen, die anderen mit denen, man überkreuzt sich und fängt Gesprächsfetzen auf. Hier geht es um Urban Fantasy, da um bloß-keine-Elfen, dort um die und die Lesung und die Qualität der Bratwurst. Im Gegensatz zur Marburg Con, die durch den Vincent-Preis den Horror herausstreicht, ist die BuCon sehr in Richtung Fantasy und, mit Abstrichen, aber durch den Science Fiction-Treff Darmstadt traditionell, in Richtung SF orientiert.

Da dieses Jahr weder Zwielicht, noch Goblin-Press/Edition CL mit Ständen vertreten sind, fehlt mir an der Bandbreite der Händler etwas am Horror. Immerhin, Amrun, Blitz und Thorsten Low halten die Fahne mit einigen Büchern hoch, und wir selbst natürlich, wobei wir uns ja nicht speziell darauf festlegen. Weirdness allerdings vermisse ich doch – und Magazine. Die Leute von Exodus, die letztes Jahr einen Stand hatten, sind diesmal nur als Gäste da. phantastisch! allerdings ist auf dem Atlantis-Stand mit vertreten und Weirdness, nun ja, das sind dann wir selbst.

Als „Big-Shots“ unter den Verlagen wäre wohl Feder und Schwert zu nennen, größer wird es auf der BuCon nicht. Wer echte Größen sucht, kann das unweit stattfindende Buchmesse-Megaevent besuchen. Der Vorteil dieser räumlichen Nähe: Autoren und Besucher, die einen Abstecher von dort nach hier unternehmen. Kai Meyer fällt mir als wahrscheinlich prominentester Besucher der Con auf. So mischt sich auch das Hobby-Volk (nein, nicht das Hobbit-Volk!) mit Professionellen.

Schön ist, nach drei Jahren Präsenz selbst von Autoren, Illustratoren und Verlegern angesprochen zu werden. Für die nahe Zukunft ergeben sich daraus vielversprechende Zusammenarbeiten.

Besonders freut mich ein längeres Gespräch mit Jörg Kleudgen, das mein eigenes Schreiben betrifft, und eines mit Gerd Rottenecker, alias Tim Stratmann, dem Übersetzer von Steven Eriksons „Das Spiel der Götter“. Hier kann ich mich mit einem erfahrenen Genre-Mann über die bedeutendste Fantasy-Reihe aller Zeiten unterhalten und dabei einen wirklich angenehmen Menschen kennenlernen. First in – Last out ist unser Schlagwort des Tages.

Und ja, am Ende des Tages darf ich die Ankunft Herbert W. Frankes miterleben, doch zum Besuch seines Auftritts, wie von Lesungen, Talk-Runden oder sonstiger Panels im Programm komme ich als Händler nicht. Das ist eine Seite der Con, von der jemand anderes berichten müsste.

 

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Das Foto wurde freundlich zur Verfügung gestellt von Markus Lawo (Ich habe überhaupt nicht mitbekommen, dass Jörg Kleudgen, etwas angeschnitten auch Uwe Sommerlad und ich da mitgeschossen wurden – links unten im Banner – oder was der Grund dieser Gruppenzusammenstellung war, aber oben rechts sieht man Roger Murmann, Con-Orga und Mitinitiator, darunter Eric Hantsch – Edition CL – links daneben hockend Markus Korb und natürlich viele andere illustre Personen)

Futur 3

Nachdem der Science Fiction viel Schwarzmalerei vorgeworfen wurde und sich in den letzten Jahren die Stimmen häufen, die von ihr fordern, eine positive Zukunft zu entwerfen, hier ein kleines Blinzeln:
Ein Teil der neueren Science Fiction besticht mich mit einem Detail, dass nämlich die Zukunft als eine Zeit möglicher Selbstbestimmung zu denken sein kann. William Gibsons Cyberpunk-Klassiker „Neuromancer“, Neal Stephensons Cyberpunk-Romane, auch die große Bandbreite retrofuturistischen Steampunks leben von dem in die eigene Hand Nehmen der Dinge durch die Protagonisten. Diese in den Achtzigern neuromantische Strömung und ihre Ausläufer haben nicht nur Grenzen des Vorstellbaren gesprengt, sondern Vorstellbares auf den Kopf gestellt. Vielleicht ist uns gar nicht so recht aufgefallen, was sich dadurch geändert hat.
In „Roter Stern – Winterorbit“ von Gibson und Bruce Sterling fliegen Menschen mit umgerüsteten Wetterballons bis in die obersten Schichten der Atmosphäre hinauf und kapern eine alte aufgegebene russische Raumstation. Gerade als es so aussieht, als ob Raumfahrt den großen Tod der Zivilisation mitstürbe, ist es der Erfindungsgeist Einzelner, die Nichtaufgabe ganz gewöhnlicher Menschen, die Hoffnung auf die Zukunft erhält.
Die „Neuromancer“-Trilogie ist voll solcher Figuren, die mit geringsten Mitteln großartige Dinge erreichen. Ebenso die späteren Romane Gibsons, seine Gegenwarts-Science-Fiction, die eben jenes Verständnis des Machbaren in unser Hier und Jetzt verortet.
Neal Stephensons Werk ist durchgängig von solchen Selfmade-Figuren geprägt, die keinen Staat und keinen Konzern benötigen, um große Projekte umzusetzen. Auch sein „Amalthea“ erlaubt die Rettung der Menschheit angesichts möglicher Auslöschung durch Meteoreinschlag nur durch gemeinsames Handeln, durch die Raffinesse und die Unbeugsamkeit von Experten und Autoritäten auf exotischen Wissenszweigen.
Im Steampunk, sowohl in seinem literarischen Zweig, als auch auf seiner Lifestyle- und Mode-Flanke, ist es das Werkeln mit selbstangeeignetem Wissen und Sachverstand, das alle dampfgetriebenen, hydraulischen und Uhrwerk-Wunder möglich macht.
Vernor Vinges Roman „Friedenskrieg“ zeigt uns eine Welt jenseits eines technologischen Abstiegs, in der sogenannte Bastler (engl. Tinker) als einzige den Gedanken an Fortschritt im Herzen tragen und unerschrocken gegen die herrschenden Mächte des Rückschritts vorgehen.
In Gradisil von Adam Roberts ist es ein Hobby-Aeronaut, der seine Familie in den Erdorbit bringt.
Gerade in dem die Wirklichkeit sich darstellt, als ob alles Großartige, aller Fortschritt, alles Überleben und Vorankommen der menschlichen Spezies von ihrer Zusammenrottung unter nationalen Bannern und Firmenherrschaften, dem Kapital, um es auf den gemeinsamen Nenner zu bringen, abhängig wäre, entlarvt sie sich als ungenügend, als ängstlich und angstbesessene Kleintuerei.
Wenn es eine Zeit gab, in der dieser Mythos Wahrheit gewesen ist, so ist sie nun endlich vorüber. Mit dem Aufkommen der PCs in den Achtziger Jahren, dem des Internet und der Fülle neuer Kommunikationsmittel in den Neunzigern, der Möglichkeit der Kapitalbesorgung mittels Crowdfunding, dem Cluster-Computing, bzw. dem Crowdworking, den immer ausgefeilteren Methoden des 3-D-Drucks und allem, was unsere heutige Welt dem Einzelnen oder kleinen Gruppen von Spezialisten an die Hand gibt, um Wirklichkeit zu gestalten, ist eine Veränderung der Gesellschaft ohne staatliche Lenkung und ohne die Aufsicht durch Aufsichtsräte längst Möglichkeit geworden: Direkte Demokratie erlebt eine neue Phase realistischer Denkbarkeit, Kunst kann mittels Software die große Hürde der Finanzierung überwinden, Selfpublishing erlebt gerade eine herausragende Blütezeit. Gedanken werden endlich geteilt, ohne an sprachlichen, nationalen oder geographischen Grenzen stehenzubleiben. Open-Source-Programmierung zeigt uns die Weiten des im Kollektiv Machbaren auf.
Darin besteht nun der Sense of Wonder unserer Zeit. Nicht nur in dem, was mittels Hochtechnologie und modernster Wissenschaft erreicht werden kann, sondern in dem, was aus eigener Hand, mit wenig Kapital, durch Recycling, durch Bastelei und unerschrockenes Ausprobieren machbar geworden ist. Dazu braucht es kein Genie, keinen einzelnen Kopf, der als zentraler Unternehmer auftritt, keinen Mastermind. Es braucht dazu nur ein geteiltes Interesse und den Willen zur Zusammenarbeit, Absprache, gemeinsames Handeln. Es braucht Menschen, die sich nicht erst sagen lassen, was zu tun ist, um ihre Träume verwirklichen.
Angesichts dessen, was die Zukunft an Vernichtungspotential für uns bereithält, werden wir dieses Kleinwenig an Optimismus und positivem Denken wohl noch ganz dringend brauchen.

Die Unübersetzten

Als deutschsprachiger Leser sitzt man in vielerlei Hinsicht hinter einem Vorhang des Schweigens und mancher von uns fragt sich, wie lange wird es noch dauern, bis dieses und jenes Buch einmal in Übersetzung vorliegen wird?
Zuweilen dauert es Jahre, bis deutsche Verlage von Werken Kenntnis nehmen, die in Übersee bereits in ihrem Erscheinungsjahr Aufmerksamkeit erregen, sogar Preise bekommen, und in zahlreichen Fällen warten wir ganz vergeblich.
Dafür lassen sich Gründe anführen, die von der Orientierung der Verlage an verkaufsmäßigem Erfolg regiert werden. Zum einen sind Übersetzungen nicht billig, auch wenn Übersetzer in der Regel noch unterbezahlt arbeiten. Kostengünstiger ist es, mitunter zweit- und drittrangige deutsche Werke zu publizieren. Der Verlagsblick geht auch an vielen Werken vorbei, die zwar bei Kritikern und Autoren, bei Fangemeinden eines Autors und derart ausgewählten Lesergruppen erfolgreich sind, jedoch nicht im Massengeschmack aufgehen. Damit sind es leider oft gerade stilistisch und thematisch herausragende, weil vom Mittelweg abweichende Romane und Erzählungen, die uns hier erst spät oder auch überhaupt nicht präsentiert werden.

519VYN712WLBrian McNaughtons Throne of Bones etwa wurde 1997 mit dem World Fantasy Award für den Bereich Storysammlung ausgezeichnet – immerhin kein ganz unwichtiger Literaturpreis auf dem internationalen Fantastik-Parkett – und bleibt doch bis heute eines der herausragenden Werke der Fantastik, denen sich ein Verleger im deutschsprachigen Raum erst noch annehmen müsste.
Die Sammlung erschien in jenem Jahr bei Wildside Press (USA) und ist im Original noch immer regulär lieferbar. Sie wurde mitunter als der „Dracula“ der Ghul-Literatur beschrieben, was mir ein wenigstens hinlängliches Schlagwort erscheint, um den singulären Charakter des Werkes zu beschreiben. So ein Buch kann kein zweites Mal geschrieben werden. Freilich reicht Throne of Bones nicht annähernd an die Bekanntheit Draculas heran, ist dafür zumindest meinem persönlichen Empfinden nach das deutlich bessere Buch. Es handelt sich um eine inhaltlich locker verbundene Reihe von Erzählungen die sich in oder um die Nekropole der Stadt Crotalorn ansiedeln. Alle Erzählungen sind über Protagonisten oder Randfiguren miteinander verknüpft. Alle haben das Unwesen der Ghule in Crotalorn zum Thema, deren sexueller Appetit und Fähigkeit, die Gestalt ihrer Fressopfer anzunehmen, für eine ganze Reihe grotesker Verwicklungen sorgen. Die Menschen Crotalorns, dessen offizielle Regierung im Übrigen kaum in Erscheinung tritt, sind von der Nekropole und ihren nächtlichen Ausschweifungen so eingenommen, man bekommt da den Eindruck, das eigentliche Leben der Stadt spiele sich eben dort ab, wo die Toten ruhen. Ihre Ruhe wird regelmäßig gestört, durch Grabräuber, die ihre Profession mit großer Leidenschaft ausführen, durch Schwarzkünstler, denen die Leichen für nekromantische Zwecke dienen, und natürlich die Ghule, die sie fressen. Am meisten erinnert mich diese Fantastik thematisch wie stilistisch an die Clark Ashton Smiths, insbesondere dessen klar der Sword & Sorcery zugehörigen Zotique-Erzählungen.

Ich bleibe bei der Fantasy: Lucius Shepard, auf diesen Namen wurde ich recht spät aufmerksam. Als ich ihn entdeckte, hatte der US-amerikanische Autor nur noch Monate zu leben und so blieb mir verwehrt, ihm auch nur eine all jener Fragen zu stellen, die sein Werk in mir aufwarf. Das war 2014. Dem deutschsprachigen Raum ist sein Werk nur in Teilen zugänglich geworden. Das seit den 80er Jahren in Deutschland bei Heyne aufgelegte Ouevre Shepards umfasst die Romane Grüne Augen (Green Eyes, 1984), Das Leben im Krieg (Life During Wartime, 1987), Die Spur des goldenen Opfers (The Golden, 1993) und die Erzählung Kalimantan (st, 1990). Nach 2000 nahm sich die Edition Phantasia noch einmal seiner an, mit Ausgaben von Aztech (Aztechs, 2003), Endstation Louisiana (Louisiana Breakdown, 2003), Ein Handbuch Amerikanischer Gebete (A Handbook of American Prayer, 2004) und Hobo Nation (Two Trains Running, 2004). Die Ausgaben der Edition Phantasia allein sind derzeit im primären Buchhandel erhältlich.
Für alles andere, nämlich Shepards herausragendes Werk an Kurzgeschichten und Novellen, muss man sich des Originals bemächtigen.
Aus den Achtzigern heraus bleibt Shepards Name noch immer mit dem Label Cyberpunk verknüpft, Das Leben im Krieg, Aztech und nicht übersetzte Erzählungen wie The Emperor lassen sich auch dort einordnen, doch Shepard beging noch ganz andere Pfade als den der Science Fiction. Horror finden wir hier und Mystisches, auch magisch Realistisches, das sich aus Shepards jahrzehntelanger Tätigkeit als Weltreisender und Reporter schöpft. Die Sammlung The Best of Lucius Shepard gibt bislang den besten Überblick über seine unverbundenen Erzählungen.
514UeEJhWPL._SX340_BO1,204,203,200_Vor allem aber fehlt uns in Übersetzung Shepards Reihe von Erzählungen über den Drachen Griaule, sowie sein dazugehöriger letzter Roman Beautiful Blood, der über eine bibliophile Ausgabe bei Subterranen Press hinaus vor Shepards Tod keine weitere Veröffentlichung erfahren hat. Die Chancen stehen nun überhaupt schlecht, dass Griaule in Übersetzung erscheinen kann, die Rechtelage des schriftstellerischen Nachlasses Shepards bleibt derzeit ungeklärt.
Griaule ist Fantasy, die in manchen Anteilen dem Magischen Realismus verbunden ist und in einem dem unserer Welt abspenstigen Südamerika angesiedelt ist.
Der Drache Griaule beherrscht das Land, auf dem sein schlafender Körper wie eine Bergkette ruht. Er herrscht in dem Verstand, vor allen in den Seelen der Menschen. Es wird ein Plan gefasst, wie er zu töten wäre, und dessen Umsetzung nimmt Jahre in Anspruch, denn um ihn nicht zu wecken, seinen Zorn nicht herauszufordern, soll der Leib des Drachen mit einem Gemälde in giftiger Farbe bemalt werden. Der Mann der den Drachen Griaule malte wäre die Übersetzung des Titels der initialen Erzählung. Im Weiteren begegnen wir einer Priesterin des Drachen und Artefaktjägern, die es auf seine Schuppen abgesehen haben. Man kann sicher sein, ein jedes Stück des Drachen wird seinen Besitzer verderben. Oft scheint dieses Wesen selbst durch die Augen von Menschen zu schauen, so als lebe das Monster in den Menschen und durch ihre Taten. Als Griaule endlich bemerkt, dass er im Sterben liegt, ist es für ihn zu spät, doch wird sein Tod den Menschen und der an seiner Flanke erbauten Stadt zum Verhängnis.
Diese Fantasy ist nicht wie irgendeine andere. Seltsam bedrückend ist das Geschehen. Es gibt hier keine Helden, denn Shepard ging es immer um die Abgründe im Menschen selbst.

51dIdKoU4aL._SX317_BO1,204,203,200_An Verkaufszahlen gemessen einer der erfolgreichsten Autoren weltweit schließlich wurde bisher mit keinem einzigen Werk ins Deutsche übersetzt. Louis Cha, alias Jin Yong, ist der Altmeister des Wuxia, sprich des chinesischen Genres der Kung Fu-Fantasy. Die meisten seiner fünfzehn Romane sind in Hongkong verfilmt worden und viele dieser Verfilmungen haben ihren Weg auch nach Deutschland gefunden. Somit ist uns – wenn wir denn Kung Fu-Filme schauen – sicher schon die eine oder andere Adaption seiner Werke in Synchronisation untergekommen. Deren literarische Vorlagen indes bleiben uns leider verwehrt. Selbst im englisch-amerikanischen Sprachraum gibt es bislang nur drei Werke in Übersetzung: The Book and the Sword, Fox Volante of the Snowy Mountain und sein herausragendes The Deer and the Cauldron in drei Bänden. Chas Geschichten siedeln sich in verschiedenen Epochen der chinesischen Geschichte an, sind oft mehr pseudohistorsich als eigentlich Fantasy, dann allerdings doch wieder fantastisch in ihrer Darstellung der Kampfkünste und ihrer Meister, in der Rolle, die hier dem Qi als einem zumindest für westliche Ohren mystisch erscheinenden Kraftquell zukommt. Meist sind Chas Helden ehrenwerte Kampfkünstler, die für das Gute und – recht patriotisch – für China kämpfen, oft gegen die mongolischen Besatzer, immer gegen ehrlose Boxer und in einer schier unglaublichen Folge von Verwicklungen aus Halbinformation und Lüge, aus Ehrgefühl und Eigensinn. Jianghu, das Land zwischen Fluss und See, in dem Chinas Xia, die fahrenden Schwertkämpfer und Boxer ihrer Freiheit nachgehen, sich zu duellieren, sich in Vendettas auch bis aufs Blut zu bekämpfen, ist ein Gemeinplatz chinesischer Fantasy, der sich aus jahrhundertelanger Erzähltradition und den klassischen Romanen Chinas herleiten lässt. Water Margin und Monkey King etwa, von denen im Deutschen auch nur verkrüppelte Versionen existieren, sind an der Grundlegung dieser Welt beteiligt, wie es die klassischen und mittelalterlichen Sagen an der Fantasy des europäischen Kulturkreises sind.
Louis Chas The Deer and the Cauldron sticht aus seinem Gesamtwerk noch heraus, denn hier ist sein Protagonist Wei Xiaobao ein regelrechter Antiheld und der Grundton, den er dem Werk verleiht, ist ist eher satirisch. Cha selbst bezeichnete das Werk daher auch gerne als Anti-Wuxia.
Für 2018 ist nun der erste Teil der Reihe The Condor Heroes angekündigt worden, des bekanntesten aller Werke Louis Chas, und zumindest über diese Veröffentlichung im Englischen wird man sich freuen können.

Es gibt eine Unzahl von Autoren und Büchern, deren Namen hier noch anzuführen und rot zu unterstreichen wären, ganze Welten der Literatur, die abseits des Mainstream stehen. Die von mir Genannten liegen mir besonders am Herzen, denn ich bin der Meinung, dass sie die internationale Fantastik auf besondere Weise bereichern, und würde mich, obwohl ich einiges davon im Original lese, doch sehr über eine Übersetzung ins Deutsche freuen.

Der Horror der Science Fiction

Sieht man sich einige ausgewählte Klassiker des Horror an, so fällt auf: Sie sind gleichermaßen Klassiker der Science Fiction. Noch einmal andersherum: Die Ur-Gesteine der Science Fiction sind Klassiker des Horror.

Frankenstein-or-the-Modern-PrometheusMary Shelleys Frankenstein or The Modern Prometheus, E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann und Robert Louis Stevensons Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde decken gemeinsam bereits ein Feld ab, das sich im späteren Verlauf der Genreentwicklung als eines der Science Fiction herausstellt. Bestellt wird hier die Thematik des Menschen, der sich mittels moderner Technologie an der Schwelle hin zum Nichtmenschen befindet, zu einem posthumanen Wesen. Frankensteins Absicht ist es, den Tod zu besiegen, Unsterblichkeit ist sein Ziel. Dazu belebt er bereits Totes neu, stückelt aus Teilen verschiedener Leben ein neues zusammen und erschafft damit mittels Technologie etwas, das in uns Furcht auslöst. Nicht allein, weil es tot sein sollte, sondern weil es von Menschenhand geschaffen, aber doch unkontrollierbar ist. Es ist monströs, damit wird der Mensch selbst es ebenfalls.

Dr. Jekyll gelingt es mit Mitteln der Chemie, nicht nur sein Bewusstsein aufzuspalten, sondern dem Trieb seines Es eigene Wesenheit zu verschaffen. Hier geht es nicht um Unsterblichkeit und weniger um den Leib, als vielmehr um die Psyche, sprich die Seele, die durch solches Handeln in Gefahr gerät, doch wieder ist es etwas von Menschenhand Geschaffenes, das sich nicht kontrollieren lässt, wie schon bei Frankenstein.

Der Sandmann schließlich bedient sich weniger des wissenschaftlichen, als vielmehr des künstlerischen Genius. Von Menschenhand erschaffen wird hier ein scheinlebendiges Wesen aus nichts als Mechanik. Es ruft denselben Schrecken hervor, ist zwar nicht aus Körper und nicht aus Geist oder Seele des Menschen geschaffen, gleicht ihm aber zu sehr und ist, wiederum, unkontrollierbar.

Noch bevor sich die Science Fiction als eigenes Genre hervorhebt und mit ihren Möglichkeiten den Kosmos bereist, ist es die menschliche Schaffenskraft selbst, die den literarischen Grundstein der Science Fiction legt. Es sind klassische Themen. Gilgameshs Unsterblichkeitswunsch, das Gut und Böse klassischer Dichotomie und die Schöpfung künstlichen Lebens durch einen Prometheus.

Sie alle sind schrecklich, denn sie stoßen den Menschen in die Wildnis der Zukunft, deren Schrecken die seiner mythischen Vergangenheit sind. Schließlich ist die Vorstellung von Göttern, deren Willkür man ausgesetzt ist, doch etwas Furchtbares. Das Ärgste daran ist wohl, dass sie – anders als der große Kosmos, der sich für uns nicht interessiert, uns vielleicht gar nicht wahrnimmt – ihre Aufmerksamkeit eben auf uns lenken, dass sie mit uns spielen, als wären wir Puppen. Das Beste, was man von ihnen erhoffen könnte, wäre, dass sie einen nicht behelligen. Wenn im nächsten Schritt aber der Mensch selbst Schöpfer wird, muss er sich wohl oder übel mit seinen Schöpfungen auseinandersetzen und mit seiner eigenen Schöpfungskraft.

War_of_the_Worlds_original_cover_bwMit H.G. Wells kommt erst die Bedrohung von Außen, von anderen Planeten hinzu und in seinem The Timemachine ist es jene schon bezeichnete Zukunft selbst, die ihre Grausamkeit enthüllt. Wells Romane wird nun niemand als Horror bezeichnen wollen, jedoch ist etwa War of the Worlds voll davon und in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts erlebte gerade dieser Zweig der Science Fiction, der die Invasion durch Außerirdische behandelt, einen Höhenflug im B-Movie, dessen Vertreter stilistisch mehr dem Horror als der Science Fiction zuzuordnen sind. The Thing beispielsweise, ein literarischer Stoff, der es sowohl in den Fünfzigern, als auch noch einmal in den Achtzigern und dem neuen Jahrtausend auf die Leinwand geschafft hat, ist ein Klassiker des Horror, thematisch aber ganz klar Science Fiction. Gleiches lässt sich über Invasion of the Body Snatchers sagen und Alien ist vielleicht das schlagendste Beispiel dieser Melange überhaupt. Den Schrecken angesichts des Kosmischen, wie wir ihn bei Lovecraft und in gewissem Sinn auch bei Alien erleben, ist einer, der unsere Welt erobert, doch: Lovecrafts Erzählungen lassen letztlich einen Verantwortlichen dafür ganz klar hervortreten, den Forscher nämlich, der diesem kosmischen Schrecken die Pforte öffnet. So ist es in From Beyond eben der Forscher und Erfinder einer Maschine, die ultraviolettes Licht sichtbar macht. Die Schrecken, die in diesem Licht auftauchen, waren schon immer da, doch, so lange unsichtbar, nicht wirklich schrecklich. In War of the Worlds beginnt das Grauen mit einer Beobachtung: Durch Teleskope sehen Astronomen mit an, wie sich Feuerschweife vom Mars aus in Richtung Erde aufmachen. Wissenschaft verkündet das Unbekannte und damit das Heraufziehen des Horror. Und das Alien ist, wie seine neueste Inkarnation Alien – The Covenant offenbart, ein Grauen, das durch die Hand eines von Menschenhand erschaffenen und durch Menschen nicht mehr zu kontrollierenden Wesens, eines Androiden, erschaffen wurde. Hier potenziert sich die Schöpfungskraft. Schon die Erschaffer der Menschen taten Böses, die Menschen sind zum Bösen fähig und erschaffen wiederum Wesen, die des Bösen fähig sind und deren letztliche Schöpfung das geradezu Absolute Böse zu sein scheint.

2994396In einem anderen Zweig des Horror-B-Movie, dem der Monstererschaffung, ist es wieder der Forscher, die Wissenschaft, die den Schrecken hervorbringt. Donovan‘s Brain – ein vom Körper getrenntes Gehirn erlangt die Macht, Gedanken zu kontrollieren –, Tarantula und Formicula – postatomare Riesen – und The Fly – ein Hybrid aus Mensch und Insekt; die Schrecken, die uns plagen, sind von uns selbst geschaffen worden, teils bewusst, teils unbewusst, teils auch durch einen Zufall, den unser Handeln anstößt.

Selbst unsere Albträume sind ja Werke unseres Unbewussten, so fürchten wir uns von Kindheit an bereits vor uns selbst – und später im Leben: Wir schauen Gewaltverbrechen auch deshalb mit Grauen an, weil sie unsere Fähigkeit zum Bösen offenbaren, und die altmodische Furcht vor Gott und dem Teufel ist wiederum eine Angst vor uns selbst, nicht nur, weil wir selbst uns diese beiden ausgedacht haben, sondern weil wir auch der Schlechtigkeit dieser beiden durchaus selbst fähig sind.

Zwischen dem inneren Schrecken und dem kosmischen Horror liegt ein nur kurzer Weg. Zum einen sind wir selbst nichts anderes als Kosmos, zum andern bedurfte es nur eines einfachen gedanklichen Tötungsakts, dem an Gott nämlich, um uns all dessen bewusst zu werden: der eigenen Schöpfungskraft und der kosmischen Weite – und Tiefe – jenseits unseres irdischen Kindergartens.

Viele Jahrzehnte nach dem Gelingen dieses größten Mordes der Geschichte haben wir eine Schwelle erreicht, die zu künstlichem Bewusstsein, zur Automation aller Arbeit, zu Intelligentwerdung der unbelebten Materie, zur Realisierung all dieser Möglichkeiten aus der Science Fiction führen mag, allerdings auch zu einem zweiten und einem dritten Tötungsakt, die jenen ersten noch überträfen, dem nämlich an uns selbst und dem an unserem Planeten. Beides sind Topoi der Science Fiction und des Horror, die ihre Steigerung in der Kulmination hin zu einem über alles hinaus ragenden Schrecken finden: der kaum noch abzuwendenden Tatsache, dass wir trotz aller eigener Schöpfungskraft und allen Wissens und begründeter Annahmen um die Wunder des Kosmos es nicht schaffen werden, die Erde zu verlassen, bevor wir uns selbst das Leben auf ihr unmöglich gemacht haben.

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(Abb. (c) Yuri Shwedoff)

Der Spiegel dieses Gesichts unseres Horror ist der, in dem wir uns in der Weite des Alls nach wie vor ganz allein sehen. Kein Erstkontakt bis jetzt und vor unserem Untergang – die Menschheit wird wohl zu jenen Spezies gezählt werden müssen, die es nie aus dem heimischen Schwerkraftschacht herausschafften und von denen darum auch niemand sonst – wenn es dort überhaupt jemanden gibt – jemals Notiz genommen hat.

Der erste und der letzte Grund des Horror ist die Leere. Wir suchen die Leere mit Wissen zu füllen, mit Vorstellung und mit Fiktion. Am Ende dieser Suche steht bislang jedoch noch immer nur die Erkenntnis um neue Tiefen der Leere, die zu füllen unsere kognitiven Möglichkeiten übersteigt. Anstatt eines kleinen Lochs, sozusagen, haben wir jetzt ein großes. Anstatt allein des persönlichen Todes nämlich, steht uns nun der Tod des Universums bevor.

Gottlose Fantasy

Es gibt eine Reihe von Grundannahmen, die für Settings der Fantasyliteratur von Bedeutung sind.

(1) angenommen, Körper, Geist und Seele könnten unabhängig voneinander existieren

(2) angenommen, alles Wesenhafte könnte auch zu Bewusstsein gelangen und einen Willen besitzen

(3) angenommen, jeder Aspekt der Wirklichkeit könnte als geschlossene Sphäre eine eigene Welt darstellen

(4) angenommen, Geist und Wille könnten über die Materie herrschen.

(…)

Solche Überlegungen bereiten die Grundlage für eine magische Welt und es ist leicht einsehbar, wie durch die genannten Beispiele allein ein hohes Level an Wunderbarem zu erreichen ist: Wenn (1), dann können Geister Verstorbener im Diesseits spuken oder in einem Jenseits weiterexistieren. Gedankenreisen sind dann etwas ganz Wirkliches. Wenn (2), dann ist die für uns unbelebte Natur voller Wesen, voller Bewusstsein und Wille. Beispielsweise ein Stein, eine Quelle oder ein Schwert stellt dann eine Entität dar, der mit Respekt zu begegnen wäre, die angebetet oder auch versklavt werden kann. Wenn (3), dann lassen sich Orte betreten, die ganz Dunkelheit sind oder ganz Krieg oder Erde und so weiter, und über die eine Wesenheit wie etwa ein Gott herrschen kann. (4) ist die erste Prämisse der Magie schlechthin. Mittels Symbolen, Sprache und Gesten, vielleicht auch durch bloße Gedankenkraft kann so ein Mensch oder ein Gott die Wirklichkeit formen. In Welten, die auf solchen Prämissen gegründet sind, können Magier und Götter existieren.

In den eher konservativ gestalteten fiktionalen Welten, etwa G.R.R. Martins Das Lied aus Eis und Feuer oder Tad Williams‘ Shadowmarch, existieren Götter, die Aspekte der Wirklichkeit abdecken, nicht so sehr als ein einzelner Gott, der über die gesamte Schöpfung gebietet, sondern als ein ganzes Pantheon, das die Herrschaftsgebiete ihrer Welt unter sich aufteilt. Mal treten sie mehr, mal weniger in Erscheinung. In Das Lied aus Eis und Feuer etwa halten sie sich sehr zurück. Es ist für den Leser nicht einmal erwiesen, dass es sie wirklich gibt, und doch spielen sie im Geschehen dieser Welt eine wichtige Rolle. In Shadowmarch wiederum wird ihre Biographie genau erforscht, sie nehmen Einfluss auf das Geschick der Welt und der Menschen. In Tolkiens großem Genreklassiker Der Herr der Ringe spielen Götter zunächst kaum eine Rolle. Weder Sauron noch ein Vertreter der Guten, nicht Gandalf noch die Elfen sind Götter, sie alle sind vielmehr zaubermächtige Wesen. Gandalf allerdings, so erfährt man, wurde mit vier anderen Istari genannten Zauberern als Helfer des Guten in die Welt geschickt. Ganz im Hintergrund steht also eine Art Weltgeist oder Gottheit, die indirekt aber höchst wirksam in die Geschichte eingreift (mehr darüber – die Schöpfung der Welt Arda, den Gott Iluvatar und seine Helfer, die Valar – erfährt man erst in Tolkiens Das Silmarillion).

Eine etwas weniger konservative Welle der neueren Fantasy behandelt die Götterfrage ganz anders:

tyranny-of-the-night-coverTyranny of the Night (Instrumentalities of the Night) von Glen Cook: hier sind Götter regelrecht Jagdwild, auf die mit Pulver und Blei angelegt wird. Die gewählte Aufgabe des Protagonisten ist es, so viele von ihnen wie nur möglich aus der Welt zu schaffen und dabei zeigt er sich als äußerst erfolgreich. Eine Industrie entsteht um die Herstellung von Schusswaffen, denen selbst die mächtigsten der Instrumentalities nicht gewachsen sind. Schon in seinen Reihen um das Dread Empire und die Black Company aus den achtziger Jahren verfolgten Glen Cooks Protagonisten Gottheiten und Mächtige; als Vater der Grimdark scheint mir der Autor damit wirklich etwas ins Rollen gebracht zu haben.

Blutwerk (Chroniken des Wahns) von Michael R. Fletcher: hier bestimmt Glaube die Wirklichkeit. Götter sind ein Produkt der Vorstellungskraft, so können Menschen selbst sich zu Göttern aufschwingen. Maßgeblich ist dabei der Wahnsinn beteiligt, denn Wahnsinn, als die stärkste Form eines zur gegebenen Wirklichkeit konträr gehenden Glaubens, ist hier buchstäblich in der Lage, die Welt umzukrempeln.

Die Stadt der tausend Treppen (Die göttlichen Städte) von Robert Jackson Bennett: Die Zeit der Götter ist vorüber. Die Protagonisten sind Kammerjägern gleich damit beschäftigt, die letzten von ihnen und ihre Nachkommen auszurotten.

518uqYV0UpL._SX312_BO1,204,203,200_In Verflucht (Ära der Götter) von Ben Peek liegen die Götter seit Jahrtausenden sterbend herum. Ihr Einfluss ist passiv und doch weitreichend, denn unter der Einwirkung durch ihre Körper entwickeln Menschen wie die junge Protagonistin wundersame Fähigkeiten. Im Original trägt der erste Roman der Reihe übrigens den Titel The Godless.

In Rebellion (The First Empire / Zeit der Legenden) von  Michael J. Sullivan sind Götter Tyrannen, gegen die sich der Protagonist auflehnt, nachdem die Menschheit lange unter ihrer Knechtschaft gelitten hat. Dieses Thema findet sich bereits in vielen Werken der Fantasy, wird hier noch einmal in Reinform geboten.

Man könnte meinen, den Göttern ginge es nicht gut. Ein recht kurioses Phänomen: mit dem späten 18. Jahrhundert und der Aufklärung beginnt sich in der realen Welt die Erkenntnis von der Haltlosigkeit aller Religion zu verbreiten und schon bald darauf formt sich ein literarisches Genre, die Fantasy heraus, in dem alles Wunderbare und auch die Möglichkeit der Existenz von Göttern erhalten bleibt, gewissermaßen konserviert, wo der Einzug des Realismus sie aus der übrigen Literatur verdrängt. Nun, da sich der Atheismus nach mühsamer Arbeit weltweit durchzusetzen beginnt, der Einfluss selbst der großen Religionen immer geringer wird, geraten auch die literarischen Gottheiten in Bedrängnis. Es ist eine gottlose Fantasy, die wir heute haben, indem sie die Göttlichkeit ihrer Götter nicht unhinterfragt lässt, auch nicht unangefochten, und indem sie die Machtverhältnisse zuweilen ganz umkehrt. Wo Glaube die Wirklichkeit formt, sind die Gläubigen, die Menschen also, letztlich mächtiger als ihre Gottheiten. Letztere unterliegen, wenn schon nicht den Waffen, dann doch dem Willen derer, als deren Herren sie sich verstehen. Götter können auf diese Weise zu Sklaven werden.

Die anfangs genannten Prämissen bleiben indes dieselben, Fantasy mag ihr Gesicht und ihren Umgang mit daraus resultierenden Vorstellungen ändern, aber das Wundersame bleibt natürlich erhalten, selbst wenn die Göttlichkeit schwindet. Und wie die Roman-Beispiele auch zeigen, sind Götter zwar nicht unsterblich, doch kehren sie zuweilen unverhofft wieder, wenn auch nur, um auf ein Neues getötet zu werden.

Das Maskenhandwerk – Dennis Mombauer

das-maskenhandwerk_9783845922249Mir liegt ein Rezensionsexemplar von Dennis Mombauers jüngst erschienenem Erstling, Das Maskenhandwerk vor, das mir vom Autor zugeschickt wurde. Rezensionsexemplare sind so eine Sache, schön einerseits, andererseits fühlt man sich als Empfänger davon anteilig verpflichtet, darüber zu schreiben, und das nachdem man seinen Leseprioritäten zunächst den unverhofften Neuling vorangestellt hat. Ich tue so etwas nur, wenn mich an dem zu besprechenden Werk schon nvorab etwas interessiert. In diesem Fall: Das Setting.

Ausgeschrieben ist der Roman mit Namensanklängen an mesoamerikanische Kulturen. Mombauers Maskenhandwerk ist Fantasy und in diesem Setting außergewöhnlich. So ein Buch wollte ich lesen und habe es nicht bereut.

Mombauer ist Mitherausgeber der Literaturzeitschrift für Experimentelles, Die Novelle, von deren bislang fünf Ausgaben man sich recht schön das Hirn verdrehen lassen kann. Experimentell ist das Maskenhandwerk nun nicht. Der Aufbau ist vielmehr klassisch. Es gibt zwei Hauptprotagonisten, Subesato, Sohn des Autarchen von Aurudate, und Huapan, Sohn einer einflussreichen Kauffrau in Huanamthang. Die beiden Reiche bekriegen sich saisonal über die Jadeebene hinweg und auch die Lebenswege Huapans und Subesatos laufen konfrontativ aufeinander zu.

Subesatos Rolle ist die archetypische, des Sohnes, der seinem Vater Respekt abverlangt, sich an dessen Herrschaft aufreibt und, nach einer Niederlage im Kampf gegen das Reich Huanamthang aus Aurudate verstoßen, einen Pakt mit übernatürlichen Mächten eingeht, um „es allen zu zeigen“.

Sein Pakt: Einen Monat hat er Zeit, als Träger von Armschienen, die ihm Macht verleihen, seine Ziele zu erreichen, und dieses Ziel ist die Unterwerfung Huanamthangs und dessen Heerführers Manpak.

Huapan, auf der anderen Seite des großen Konflikts, ist der Zögerliche, der Träumer, der sich nur wünscht, der großen Verantwortung als dem Sohn seiner Mutter und deren Enttäuschtsein von ihm zu entfliehen. Als er unverhofft in den Laden eines Maskenherstellers stolpert, wird ihm ein dubioses, aber verlockendes Angebot gemacht. Was wäre, wenn er für alle, die ihn kennen, unsichtbar werden und so seinen Zwängen entgehen könnte?

Klingt das nach einem gegensätzlichen Paar? Was daraus wird, will ich nicht vorwegnehmen. Nur soviel: dass mich der Weltenbau und die Fantastik, das Couleur des Settings, die Intrigen und der Kampf überzeugt haben.

Gerade wer nicht auf der Suche nach einer weiteren Welt der Zwerge, Elfen, Ritter und so weiter sucht, aber trotzdem Lust an einer Fantasy im Zuschnitt von Tad Williams oder Hugh … empfindet, ist mit der Maskenwelt, dem Kampf zwischen den Zaubermächten und den zwei Reichen im richtigen Boot.

Wie ein Debutroman liest sich Das Maskenhandwerk im Übrigen nicht. Gerade die Begegnung Huapans mit dem Maskenhändler ist schon ein starkes Stück, das ich hoffe, im IF Magazin für angewandte Fantastik, Anfang 2018, als Auszug präsentieren zu können. Die Zeichen dafür stehen gut, aber niemand soll solange warten müssen. Das Maskenhandwerk liest sich nämlich jetzt sofort besser als nie. Es sollte in der Masse der gängigen und wenig innovativen Fantasy-Romane keinesfalls übersehen werden und sollte es einmal eine Fortsetzung der Maskenwelt geben, bin ich als Leser wieder dabei.

http://www.aavaa.de/Das-Maskenhandwerk

Die Ungelesenen

Meine Welt ist voller Bücher und doch fühlt es sich manchmal so an, als gäbe es keins. Gerade nach dem Auftauchen am Ende eines langen und intensiven Durchlebens eines Romans kann mir das passieren. Es ist dann ein Blättern und Suchen, ein Anfangen und Weglegen und neues Aufschlagen und wieder Schließen, von Roman zu Storysammlung, zu diesem, zu jenem, von Fantasy zu Horror zu Science Fiction, bis ich auf Klassiker auszuweichen versuche, die doch eigentlich immer lesbar sein sollten. In solchen Momenten fühle ich mich geradezu heimatlos. Oft kann ich nach zehn und mehr angebissenen Stücken, mal fünf Zeilen oder fünf Seiten, mal auch fünfzig Seiten eines Bandes einfach nicht noch mehr davon lesen, genießen oder auch nur ertragen. Ich lese, was mir gefällt, nicht was ich muss, denn Pflichtlektüre habe ich mir verboten. Meine Auswahl ist immer schon zu Beginn eng gesteckt. Ich mag Handlung, brauche sie meist, um ihrem Faden zu folgen, als einer Spur. Wo hingegen ich nicht mehr als bloße Handlung erwarte, Klischees und neun Mal aufgekochtes, reine Unterhaltung ohne irgendeinen Neuigkeitswert, schlage ich meist von vorneherein ein umgekehrtes Kreuz an die Tür – „hol‘s der Teufel“ – ich will, nein brauche etwas, das mein Gehirn aufmischt, mich zum Denken bringt, mich in meinem Entdeckungsdrang nährt.

clayette1Wäre es so, dass mir für den Rest meines Lebens nur noch sagen wir fünf Bücher blieben und obwohl alle gut, mir am Ende doch nur ein oder zwei zusagten – da hätte ich ein großes Problem. Sich „den kleinen Bedarf selbst zu schreiben“, wie Tucholsky sich das vornahm, funktioniert auch nicht so recht, gerade dann, wenn einem die Konversation mit anderer Autoren Bücher nicht gelingen mag. Doch sind da noch so viele wichtige Bücher, wichtig im Sinne von stilprägend, einzigartig, epochal und so weiter, da sollte es doch möglich sein, wenigstens ein Nächstes zu finden, das mir die literarische Heimatlosigkeit beendet, mich zu fesseln vermag. Bisher, zum Glück, habe ich immer ein nächstes Buch gefunden, auch wenn das Suchen danach manchmal trübe Wasser zu durchkreuzen hieß, mitunter tagelang. Ein vielleicht passendes Bild dazu ist wirklich das Schwimmen in seltsamen Gezeiten und dabei liegen viele Inseln umher, doch sind die meisten öde Sandbänke, kahle Felsen, teils auch ganz einfach Scheininseln, die aus nichts weiter als Schaum und dessen farbigem Glitzern in der Sonne bestehen. Manches Festland wiederum scheint zu groß, tatsächlich, zu gewaltig groß und vielleicht nur Wüste zu sein. So ist es beispielsweise mit zehntausend Seiten langen Reihen, die ich nicht zu betreten wage, weil ich fürchte, am Ende einer großen Reise erkennen zu müssen, dass der große Aufwand sich doch nicht gelohnt hat.

Dann liegen da in den Wellen noch jene besonderen Orte – und davon gar nicht wenige – die einen Besuch ganz sicher lohnen müssten. Doch die Ufer sind zu steil, zu sumpfig oder von Dornen verwehrt. Dies sind für meinen Begriff schlafende Inseln und Festländer. Sie liegen auf festgeschriebenen Koordinaten, sind mir aber nicht zugänglich, vielleicht jetzt nicht, doch irgendwann einmal. Bücher sind ja so gut wie unsterblich.

Bücher, die ich nicht gelesen habe…

, obwohl ich den Versuch schon gemacht habe. Menhire, sprich Meilensteine der Fantastik, angefangen, sein gelassen, aus verschiedenen Gründen.

biblioth_6-222x300Zum Beispiel ist mir John Crowleys Romanwerk, angefangen mit Engine Summer (Maschinensommer), über Little, Big (… oder das Parlament der Feen) bis zu Aegypt nie zugänglich geworden; M. John Harrisons große Science Fiction-Trilogie um den Kefahuchi-Trakt liegen noch immer unerkundet da; Gene Wolfe, dessen The Book oft he New Sun (Das Buch der Neuen Sonne) ich als eines meiner Lieblingswerke überhaupt zähle, ist mir mit dem Großteil seiner sonstigen Romane verschlossen geblieben; Moorcocks Gloriana, warum bin ich nie über die ersten zwanzig Seiten hinaus gekommen? Ist es zu opulent? Das erscheint mir möglich, Opulenz ist nicht unbedingt, was mich begeistert, nicht als solche, nicht an sich. Auch Lord Dunsanys Erzählungen sind mir wohl etwas zu märchenhaft, obwohl sich doch jede Zeile für sich zu lesen für mich gelohnt hat. Eigentlich, nehme ich an, müsste ich Alastair Reynolds Science Fiction mögen, bin aber nie damit warm geworden. In älteren Werken, Kubins Die andere Seite etwa, ist mir die Sprache oft zu manieriert. Vor innerem Verbeugungszwang bin ich geflohen, habe das Buch, obwohl es sicher gut ist, unvollendet in das Regal zurückgestellt, wo es als standhafter Soldat einer schweigenden Armee nun steht.

Gelesene Bücher schweigen nicht, sie winken und grüßen laut, wenn mein Blick auf sie fällt. Die Ungelesenen sind nur von Rumoren umhüllt, den Gerüchten und Echos flüchtiger Eindrücke, möglicherweise sind sie stumm, weil sie mich nicht mögen, oder aus Arroganz, beziehungsweise dem Wissen, doch Klassiker zu sein, auch wenn ich – unbedeutender Leser und Nichtleser, der ich bin – sie nicht lese. Sicher sparen sie sich alles, was sie zu sagen haben, auf für die Zeit, in der ich sie doch noch durchwandere, diese Inseln und Kontinente.

Noch zu sagen bleibt, dass so manches Unvollendete doch schon mit einem einzelnen Satz mein Freund geworden ist, selbst wenn ich nie über diesen hinaus gekommen bin.

 

(Titelbild: (c) Francois Schuiten)