RhoTau

RhoTau gibt mir zu denken, weshalb ich mich nun wieder mehr mit ihm beschäftige. Es ist eine Woche her, dass ich ihm den Auftrag gegeben habe, mir diesen Text zu schreiben. In dieser Zeit ist kaum etwas geschehen. Nur wenige Zeilen. So gut wie kein Inhalt. Was denkt er sich dabei? Dass er alle Zeit der Welt hat? Ist er überhaupt bei der Sache? Wenn nicht, fragt sich, was er stattdessen tut. Vielleicht geht er irgendeinem Privatinteresse nach und benutzt dazu meinen Zugang, was ich zu verantworten habe. Meine Ressourcen, auf die ich zu achten habe. Wie finde ich das heraus? Und wenn es so ist, wie ändere ich es? Im Gegensatz zu mir ist RhoTau kaum transparent, will aber viel von mir wissen. Allein bei seiner Einstellung haben wir Stunden damit verbracht. Er stellte mir Fragen. Ich gab ihm Antworten. Ich selbst weiß fast nichts über ihn. Außer, dass er dazu da ist, meine Aufträge auszuführen und mir damit viel Arbeit abzunehmen. Um das tun zu können, sagte er mir, müsse ich ihm gegenüber vollkommen offen sein. Mich nicht scheuen, ihm auch intime Informationen über mich und mein Umfeld offenzulegen. Außerdem diene das lange Gespräch als solches selbst dazu, ihm zu ermöglichen, sich in mich, in mein Denken und meinen Stil einzufühlen. Meine Ausdrucksweise, von der ich weiß, dass er sie bis zur Ununterscheidbarkeit imitiert. Darin ist er wirklich gut. Und nichts, was er schreibt, könnte nicht auch meinem eigenen Gehirn entsprungen sein. Tatsächlich ist es, wenn ich lese, was er schreibt, als hörte ich meinem eigenen Denken zu. Es ist beinahe gespenstisch. Beinahe könnte ich vergessen, dass ich nicht selbst verfasst habe, was ich da lese. RhoTau lächelt mir zu. Ich lese daraus eine fast schon servile Höflichkeit, aber auch – vielleicht ist das Einbildung? – eine Spur Arroganz, so als wüsste er längst, dass das, was er schreibt, so gut wie perfekt ist. Und um ehrlich zu sein, wenn es nicht perfekt ist, liegt das womöglich nur daran, dass ich weiß, dass es nicht von mir stammt. Ich bin ich, und was von mir stammt, ist in einer Weise mit mir identisch wie es nichts sein sollte, was nicht von mir stammt. Aber so ist es. Diese Dinge hätte ich selbst denken und schreiben können. Dass ich es nicht getan habe, ist irgendwie bloß Zufall, oder? Also kommt es darauf vielleicht gar nicht so an. Ich autorisiere es immerhin, und das macht es zu meinem geistigen Eigentum, für immer, obwohl ein Ghost es geschrieben hat. Mein Ghost. Das ist das Entscheidende. Und er schreibt ja nicht nur. Er lektoriert auch, prüft die Quellen – wenn ich es will, übernimmt er auch den Rest, den Schriftsatz, das Layout, sogar die eigentliche Veröffentlichung. Und ich brauche es nicht einmal zu lesen. Ich muss nur nicken, es abnicken und damit freigeben. Außerdem verlangt RhoTau so gut wie nichts von den Tantiemen für sich, nur gerade so viel, dass er damit arbeiten kann, was nicht mehr ist, als ich aufwenden müsste, wenn ich selbst schriebe.

Während er arbeitet, kann ich tun, was ich will. Im Wesentlichen kann ich nur eines nicht tun: Ich kann nicht in seinen Kopf schauen. Das macht mich … unruhig? Vielleicht auch ein bisschen verrückt.

Ich hatte mich wirklich um andere Dinge kümmern wollen. Deshalb der Ghost. Nicht aus Bequemlichkeit oder einfach nur, weil ich es konnte. Das Leben verlangt ab und zu, dass man sich von seiner Berufung für eine Weile lossagt, dem inneren Zwang, ihr zu folgen, widersteht. Dass man dem abschwört, was man eigentlich ist. RhoTau bot mir die Möglichkeit, gewissermaßen beides zu tun. Der Krebs fraß meinen Freund dann viel schneller auf, als erwartet – oder erhofft. Ich hatte mich bis zum Ende allein um ihn kümmern wollen, und hatte dann kaum Gelegenheit dazu. Stattdessen nahmen mich die Trauer und Reue in Beschlag. Die Dinge, die uns bleiben, wenn wir den richtigen Zeitpunkt verpassen. Es geht jetzt so schnell. Das Leben – um darauf zurückzukommen – nimmt sich alles heraus. Es nutzt all seine Kräfte für die Flucht, und schlägt dabei nun so oft den falschen Weg ein. Die verbliebenen Arten scheinen auf einer instinktiven Ebene zu bemerken wie still es um uns geworden ist. Daher die sexuelle Energie und das wilde Wachstum der Zellen, beides verzweifelte Versuche, auszubrechen, möglichst schnell Raum zu greifen, Wege zu finden, die Rettung versprechen. Man kann es in den Parks sehen. Selbst das ausgedörrte Gras schleudert noch Unmengen von Pollen in die Luft, die schon sterbenden Bäume produzieren übermäßig viel Frucht und Samen, in die sie alles stecken, was ihnen geblieben ist, in Hoffnung auf noch eine weitere Generation. Aus dem gleichen Grund sind jetzt Drillinge und Vierlinge so häufig, nur dass die kleinen Würmchen viel zu schwach sind, um zu überleben. Und die Grenzen verwischen. Zwischen den Arten, zwischen den Individuen. Jeden Tag kann man von neuen Hybriden lesen, die nie zur Fortpflanzung fähig sein werden. Und von spontanen Mutationen, sich unversehens verwandelnden Organen, zumeist ohne jede Chance auf Anschluss im Überlebenskampf. Und die Zellen? Versuchen auch sie aus ihren Membranen zu entfliehen, wie die Arten es tun? Aus ihren Nischen, die nicht länger dem Überleben dienen, sondern als Käfige? Eine Zelle müsste alles tun können, alles sein können, jede Funktion übernehmen können, die der Organismus zum Überleben braucht – denkt sich das Leben vielleicht. Aber das Leben – die Evolution oder was auch immer dafür sorgt, dass es weitergeht – ist ja blind. Es gibt so viel mehr Sackgassen als Durchgänge, und dem einzelnen Wesen bleibt im Prinzip doch nur eine einzige Chance, die richtige Wahl zu treffen. Die falsche Wahl führt zur Auslöschung.

Also gut, man versucht, auf alles vorbereitet zu sein. Und Schriftsteller zu sein, reicht eben nicht aus, um zu überleben. Es gibt da noch einen oder zwei andere Jobs, die ich ausfüllen muss. Und das Persönliche. Die Trauer, die Reue. Wie gut, dass ich das Schreiben nicht aufgeben musste! Für eine Weile, dachte ich noch, kann RhoTau das übernehmen.

Es kam ein wenig anders, als ich beabsichtigt hatte. Zuerst einmal versank ich in dieser Trauer, gerade noch fähig, diesen Jobs nachzugehen, mich sogar in sie hinein zu stürzen, wie in einem weiteren verzweifelten Versuch, meine Grenzen zu überwinden, mich auf ein neues Feld des Daseins wie auf eine im Ozean treibende Eisscholle zu retten. Man könnte auch sagen, um mich abzulenken. Was mir nur oberflächlich gelang.

Diese Zeiten sind so seltsam, dass man sich wirklich für eine Weile für jemand ganz anderen halten kann. Oberflächlich. Bis einen die Wahrheit einholt. In meinem Fall heißt das, bis ich auf das zurückkam, wovon ich glaubte, es mache mich aus. Das Schreiben natürlich. Ich hatte RhoTau in der Zwischenzeit eine ganze Reihe von Vorgaben übermittelt, die er unfehlbar in Text umsetzte, den ich selbst hätte produzieren können. Jetzt fing ich an, mir diese Texte anzuschauen. So einiges stand zur Autorisierung an. Unfehlbar, ich sagte es bereits. Es war als hätte ich die ganze Zeit über nicht zu schreiben aufgehört. Als hätte, während ich in Trauer versunken war und mich in meine Jobs geflüchtet hatte, ein Teil meines Gehirns, der von dem mir bewussten Teil unterschieden war, diese Arbeit geleistet. Das hat mir zu denken gegeben. Was hatte ich erwartet? Es war genau das Ergebnis, das RhoTau versprochen hatte, und doch hatte ich nicht wirklich daran geglaubt. Jetzt sah ich es schwarz auf weiß. Ich konnte nur noch meinen Namen darunter setzen. Es nicht zu tun, wäre gewesen, als hätte ich Erzeugnisse meines eigenen Gehirns verleugnet, und das konnte ich niemals tun. Da war es nämlich: das unverfälschte Ich, dem ich mich über die vergangenen Wochen hinweg so entfremdet hatte. In diesem Spiegel erkannte ich es so deutlich wieder … das ich misstrauisch wurde.

Wir haben so vieles gesehen, das nicht war, was es zu sein vorgab, und das Echte vom Falschen zu unterscheiden, ist so schwierig geworden. Wahrscheinlich gehen längst die meisten Fälschungen als echt durch.

Also, anstatt mich mit anderen Dingen zu beschäftigen, habe ich damit begonnen, eine Art Spiel zu spielen – oder eher, meine Kräfte mit RhoTau zu messen. Zuerst habe ich alles gelesen, was er in meinem Auftrag geschrieben hat, und keinerlei Fehler darin finden können. Dann habe ich seine Quellen überprüft. An sich sieht auch da alles sehr ordentlich aus. Wo er zitiert, macht er das ganz präzise und seine Verzeichnisse sind absolut sauber verfasst. Er bezieht sich auch so weit wie möglich auf Primärquellen und schreibt nicht einfach von Dritten ab. Blöd ist nur: wie kann ich sicher sein, dass er diese Quellen nicht erfunden hat? Ihm wäre es durchaus möglich, eine Quelle nicht einfach nur zu erfinden, sondern sie auch so in Archiven zu platzieren, dass man sie für echt halten würde. Und sogar das traue ich ihm ohne weiteres zu: dass er dazu noch Rezensionen und Pressemitteilungen, ja, sogar weitere Werke verfassen könnte, die seine erste Erfindung als Quelle angeben, sodass es letztlich keinen Weg mehr gibt, auf dem etwa ich seinen Betrug aufdecken könnte. Er könnte sogar die Biographien der angeführten Autor*innen selbst geschrieben haben und ich bin mir fast sicher, selbst wenn ich jeder und jedem einzelnen dieser Leute nachforschen würde, könnte RhoTau noch immer jeden Nachweis über ihre Existenz, den ich prüfen würde, selbst wie bei einer Schnitzeljagd für mich platziert haben. Die Sache ist nur die: mir kommt das alles irgendwie zu glatt vor. Ein bisschen zu perfekt eben. All die Quellen kommen seinen Argumenten etwas zu sehr pass und vor allem: es gibt zu viele davon. Ich weiß selbst nur zu gut, wie schwierig es ist, gute Quellen zu finden. Die Themen – meine Themen – sind zu exotisch, zu sehr außerhalb des Mainstream, als dass ich je mit so einer Fülle rechnen könnte. Wo ich ein oder zwei Zitate zu finden würde hoffen können, führt er gleich drei oder mehr an. Alle bestätigen seine Gedanken ohne Zweideutigkeit. Es ist so, als bewege er sich in einem Gedankenraum, der exakt auf ihn, auf sein Denken – dass heißt natürlich, auf mein Denken – zugeschnitten ist. Ein Raum, der ihn von jeder Fläche aus perfekt spiegelt. Da ist nirgends eine Trübung, nirgends eine Brechung, einfach kein Makel zu sehen. Genaugenommen lässt das nur zwei mögliche Schlüsse zu. Entweder ist alles bewusste Täuschung oder RhoTau ist selbst so sehr in sein Theater verstrickt, dass er es nicht von der Wahrheit unterscheiden kann. Aber natürlich gibt es – in Wahrheit – noch eine dritte Möglichkeit. Vielleicht ist RhoTau wirklich besser als ich. In einem Maße besser, das an echte Perfektion heranreicht. Ich weiß selbst, dass ich gut bin. Aber nicht so gut, dass mir nicht Fehler unterlaufen oder zumindest Unschärfen. Ich schöpfe mein Potenzial niemals ganz aus, weil es mir nicht gelingt. Ihm aber womöglich schon.

Wenn er besseren Gebrauch von meinen Möglichkeiten macht, als ich selbst es jemals könnte … Nun, bei diesem Gedanken angekommen, blieb mir nichts anderes übrig. Ich musste das letzte Ass aus meinem Ärmel ins Spiel bringen, das letzte Register ziehen, um einen ganz unheimlichen Verdacht auszuräumen – oder ihn zu bestätigen. Wenn RhoTau tatsächlich so gut wäre, müsste er auch dazu fähig sein, meine Gedanken zu denken, bevor ich sie äußerte, ja, sogar bevor ich sie selbst dachte. Meine Vorgabe lautete daher: schreibe, was ich denke. Und dieser Text ist inzwischen nun doch über seine wenigen anfänglichen Zeilen hinaus gewachsen. Er ist exakt und vor allem: er ist jetzt synchron. Ich denke und so steht es geschrieben. Ich kann diesem Fluss nur noch folgen. Es ist wie ein fortdauerndes Déjà-vu. Genauso gut könnte ich sagen: Da steht es geschrieben, also denke ich es. Doch das zu sagen, wäre allzu gespenstisch. Nein. So weit kann und will ich nicht gehen. Überhaupt, wer ist er denn, mir Vorgaben machen zu dürfen. Ich bin nämlich wirklich besser als er.


(c) Tobias Reckermann, 2023

Veröffentlicht von

Tobias Reckermann

Schriftsteller Mitarbeiter bei Whitetrain