Eine dunkle Epiphanie

Etwas Schwarzes landet in der Mitte des aufgeschlagenen Buchs in meinen Händen. Mit einem Aufschrei schlage ich das Buch zu. Es knirscht, als die schweren Deckel und die Wucht von tausend Seiten das Etwas zerquetschen. Der besondere Ekel beim unvermittelten Anblick einer Arachne hat mich aus meinem Sessel springen lassen. Wie der Halter der Büchse von Pandora presse ich die Hände um das Buch aufeinander. Das Nachbild dessen was dazwischen klemmt lässt mich glauben, dass es keine wenn auch noch so haarige und fleischige Spinne gewesen sein kann, denn es hatte Augen, die mich aus schwarzen Nadelkopfpupillen angeschaut haben. Der Moment der Panik weicht der üblichen Peinlichkeit nach einem so indignierten Verhalten. Nur aufschlagen kann ich das Buch trotzdem nicht. Ich will es nicht sehen. Was soll ich jetzt tun? Gerade war die Handlung auf dem Höhepunkt ihrer Spannung angekommen, dem heißen Moment einer dunklen Epiphanie, an dem sich der Schatten vom Grunde der Welt angehoben hatte und sein innerstes Geheimnis zu offenbaren bereit war. Schon lugte aus den Falten der Düsternis ein schwarzes Etwas mit nadelköpfigen Augen hervor. Ich muss weiterlesen, nur wie? Ich besitze nur diese eine Ausgabe und die ist aufgrund meiner überstürzten und völlig lächerlichen Handlung nicht mehr zu gebrauchen. Ich lege das Buch mit einem nervlichen Zittern aus der Hand auf meinen Schreibtisch, greife nach meiner Brieftasche und verlasse das Haus mit dem nächstgelegenen Buchladen als Ziel.

(c) Tobias Reckermann, 2016

Veröffentlicht von

Tobias Reckermann

Schriftsteller Mitarbeiter bei Whitetrain

Ein Gedanke zu „Eine dunkle Epiphanie“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.