Sláine – Comics in deutscher Erstausgabe

Mit dem Lesen von Comics habe ich erst recht spät angefangen, nach ersten Erkundungen als Kind war ich schon sechzehn, als mir vorausschlaue Freunde den Hinweis gaben, dass dort wahrhaft Phantastisches zu entdecken sei. Was ich ganz obenauf in die Finger bekam, war Sláine von dem britischen Autor Pat Mills. In meiner ersten Story steigt der keltische Krieger aus seinem eigenen Hügelgrab in der irischen Königsstadt Tara und erfährt durch einen christlichen Mönch, dass er sich in einer Zeit viele Jahrhunderte nach seiner eigenen Ära befindet. Im Auftrag der Erdgöttin Danu kämpft Sláine mit Boudicca gegen die römischen Besatzer Englands, später gegen angelsächsische Invasoren um die Schätze Britanniens und als ein Double von Braveheart gegen die normannischen Engländer des Mittelalters. Soweit in etwa, was man bisher in deutscher Übersetzung beim Feest-Verlag erfahren durfte. Das ist aber bei Weitem noch nicht die ganze Geschichte.
Slaine-Band1Der gerade erst neugegründete Dantes Verlag hat nun angekündigt, mit vorläufig neunzehn Bänden (Sláine ist immer noch fortlaufend) die vollständige Reihe seit 1983 im britischen Comic-Magazin 2000 AD erschienener Sláine-Comics herauszubringen. Was für ein Spaß! Da wünsche ich langen Atem und viel Erfolg. Der erste Band bei Dantes, Sláine – Morgendämmerung, erschien in den letzten Tagen. Das ist nun noch nicht die Blüte, die Sláine mit späteren Storylines von Zeichnern wie Bryan Talbot, Glen Fabry, Clint Langley und meinem Favorite Simon Bisley erreicht – dies sind die Wurzeln.
Lange bevor Sláine vorwärts durch die Zeit reist, wandert er als von seinem Stamm ausgestoßener Krieger durch die Welt keltischer Mythen am Ende der letzten Eiszeit, als England, Irland und das europäische Festland noch eine Landmasse bilden.
Im englischsprachigen Wikipedia-Artikel findet man ein paar irgendwie witzige Einträge zu Sláine:
Alter ego: Sláine Mac Roth
Team affiliations: Tribes of the Earth Goddess
Abilities: Warp-spasm
Nun ist Sláine kein Superheld, Sláine Mac Roth ist einfach nur sein vollständiger Name und sein Stamm, die Sessair, gehören zu den Stämmen der Erdgöttin. Der Warp-Spasm, zu Deutsch Wellenkrampf, ist ein dem Berserken ähnlicher Zustand, in dem die Kraft der Erde selbst durch den keltischen Krieger fließt, ihn physisch monströs verzerrt, in ihm einen Blutrausch auslöst und ihm titanische Kampfkraft verleiht.

Slaine-WarpSpasm
Slaine-SloughFeg

 

 

 

 

 

Seine Gegner in dieser frühen Epoche sind Krieger feindlicher Stämme, vor allem der Drunen, die mit Todesmagie und im Gefolge des verderbten Gottes Slough Feg Verheerung über Land und Leute bringen, Balor vom Bösen Auge und sein aus dem Meer gestiegenes Volk der Fomori, sowie Dämonen aus den abseits der Erde gelegenen El-Welten. Sláine wird später zum Hochkönig gewählt, kämpft um die Einheit aller Stämme und vereinigt die Herrschaft über vier mystische Waffen, die den Stämmen der Erdgöttin gehören. Pat Mills schreibt hier ein Potpourri keltischer Legenden, bedient sich dazu aller möglichen Quellen irischer, britannischer und walisischer Überlieferung und erschafft den keltischen Mythos ganz neu.
Vor allem erinnert Sláine natürlich an Cuchullain, den keltischen Helden aus Ulster, natürlich auch an Conan – Sláines Welt ist eine Sword & Sorcery-Welt, die sich gut mit Robert E. Howards Hyperborea vergleichen lässt. Begleitet wird Sláine von seinem Hofnarren Ukko, dem Zwerg. Der ist letztlich auch Erzähler und Chronist aller Geschehnisse und bricht das heroische Epos mit immer komischer, meist derbe zotiger Parodie.
Die Reihe fügt sich mit ihrer Mischung aus Witz, Gewalt und zwangloser Phantastik nahtlos in den Verbund der Serien von 2000 AD ein – hier sind unter anderen ABC Warriors, Nemesis the Warlock und, am bekanntesten, Judge Dredd zu nennen, für die Pat Mills neben Sláine ebenfalls textete. Etwas abseits vom amerikanischen und dem franko-europäischen Stilgefühl ist Sláine natürlich von britischem Humor geprägt und macht da als Comic auch keine Abstriche gegenüber dem Epischen, das Pat Mills aber ebenfalls meisterhaft in Szene setzt. Anders als es bei langlebigen Serien oft üblich ist, schreibt Mills die Serie seit 1983 mit seltenen Ausnahmen selbst. Sláine kommt somit zumindest literarisch aus einer Hand und bleibt über die Jahrzehnte unverfälscht.
Slaine-HornedGodAuf gleicher Stufe mit anderen Klassikern des Genres ist Sláine schlechthin Die keltische Fantasy-Saga, ohne Konkurrenz. Vor allem mit der grafisch von Simon Bisley umgesetzten Storyline The Horned God (Der Gehörnte Gott) geht Sláine in die Hall of Fame der Fantasy ein. Was hier stark idealisiert beschworen wird, ist der „Keltische Geist“, die Liebe zur Erde, Naturmagie, Akzeptanz des Matriarchats. Mills gelingt es, den dafür nötigen Feinsinn mit maskulinem Barbarentum einer Fantasy der Siebziger Jahre zu verbinden.
Bis die Reihe der Ausgaben von Dantes Verlag zu diesem Höhepunkt gelangt, wird man noch bis zum siebten Band warten müssen. Für mich wird das Neulesen auch der gesamten Serie allerdings von mehr als bloß genre-historischem Interesse sein.

Sláine 1 – Morgendämmerung (Dantes Verlag, 2017)

https://www.dantes-verlag.de/
https://www.2000adonline.com

Veröffentlicht von

Tobias Reckermann

Schriftsteller Mitarbeiter bei Whitetrain